Was machen wir heute? : Fangen

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Am Wochenende sah ich mit allen anderen noch einmal in die Sonne. Ich lief durch Kreuzberg und kam in einen Park mit einer großen Wiese und einem stillgelegten Brunnen. Vor dem Brunnen ließen sich alle nieder und öffneten sich ein Bier, schließlich war es schon Sonntagmittag. Es gab drei Dinge zu beobachten: Ein Pärchen, das auf der Brunnenkante saß und sich wild abknutschte und ableckte. Einen vollständig tätowierten Mann, der seinem Hund vergeblich beizubringen versuchte, nicht andere vorbeilaufende Hunde anzubellen und anzuspringen. Und einen einsamen Mann mit Schirmmütze. Er stand auf der Mitte der Wiese und warf eine Angel aus. Da hier weit und breit kein Wasser war, rief ihm einer zu: „Willst dir wohl ’ne Frau angeln?“

Es gab auch einen Fußballplatz in diesem Park. Dummerweise ohne Tore. Den Kindern machte es nichts aus, denn sie spielten eher Fangen mit Ball. Ja, in diesem ganzen Park schien ein großes Laufspiel im Gange zu sein. Mütter rannten ihren Töchtern hinterher, Männer ihren Frauen, und irgendwann kamen Polizeisirenen näher und näher. So erholt sich also Berlin, dachte ich, und machte mich auf den Weg zurück ins Straßenleben. Hinaus auf das Pflaster, auf dem sich die Menschen permanent nachlaufen und dabei versuchen, den gegenteiligen Eindruck zu vermitteln.

Ich beobachtete Folgendes: Sie schlenderten umher und beobachteten sich beim Telefonieren an der Ampel. Sie bleiben stehen und beobachteten sich beim Sperrmülleinladen in einen Sperrmülltransporter. Sie gingen weiter und beobachteten sich beim Beobachten. Es war, als würden sie alle versuchen, ihren eigenen Schatten zu fangen an diesem letzten Sonnentag.

Da lief ich nach Hause, setzte mich auf den Balkon in die letzten wärmenden Strahlen und las, wie man wirklich einen Schatten fängt. Und ich lernte: Der Mann mit der Angel im Park war auf dem richtigen Weg. Robert Ide

Andrzej Szczypiorski: Den Schatten fangen. Roman. Diogenes-Verlag, 7,90 Euro.

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