Was machen wir heute? : Feierabend

Robert Ide

Es gibt Tee aus geschwungenen Kannen und Kekse. Es gibt Klaviermusik von der Empore herab. Und es gibt viele ältere Männer, die in Sesseln sitzen und rauchen.

Ich habe eine Freundin besucht. Normalerweise wohnt sie am Potsdamer Platz, was mir schon ziemlich unheimlich erscheint. Abends blickt sie auf den künstlich angelegten und mit Neonlicht ausgeleuchteten Marlene-Dietrich-Platz, sie guckt dort den Touristen beim Gucken zu. Das macht ihr Spaß. Manchmal nerven sie die lärmenden Autorennen, mit denen Berliner Proleten die Touristen aufschrecken. Dann schreckt auch sie kurz auf.

Gerade wird die Wohnung am Marlene-Dietrich-Platz renoviert. Deshalb ist meine Bekannte für ein paar Nächte ins Hotel Adlon umgezogen. Ich besuchte sie dort zum Feierabendtee in der Lobby mit Klaviermusik. Wir aßen Kekse, redeten übers Kino und guckten den älteren Männern beim Rauchen zu. Meine Feierabendtee-Bekanntschaft schien sehr erleichtert darüber zu sein, dass es im Hotel Adlon keine Berliner Proleten gibt. Dafür gibt sie gern ihr Geld aus, verriet sie mir. Als ich abends mit dem Fahrrad zurück in mein normales Leben schlenkerte, nahm ich mir vor: Steck doch auch mal ein bisschen Geld in deine Ruhe!

Also habe ich gestern Urlaub auf der Ostseeinsel Hiddensee gebucht. Dort gibt es keine Autorennen, keine künstlich angelegten und ausgeleuchteten Plätze, nicht einmal Klaviermusik. Eigentlich gibt es auf Hiddensee gar nichts außer Wind, Wiesen und Sanddornsaft. Vielleicht noch ein paar rauchende alte Männer am Meer. Ich habe ziemlich spät gebucht, deshalb kommt mich die Sache nicht gerade billig. Aber der kurzzeitige Abschied vom Berliner Lärm ist mir das allemal wert.

Meine Feierabendtee-Freundin vom Marlene-Dietrich-Platz kommt übrigens nicht mit. Sie ist gerade in New York, da hat sie noch eine Wohnung. Robert Ide

Inselinformation Hiddensee: Tel. 038 300/ 642 26; Hotel Adlon: Tel. 226 10.

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