Was machen wir heute? : Feind sein

Anselm Neft

Als ich gegen zwei Uhr früh zu meiner neubezogenen Wohnung in der Greifswalder heimkehre, gerate ich in eine bunt gekleidete Traube von Jugendlichen. Ein Plakat vor dem Knaack-Club hat mich bereits informiert: eine „Bad Taste Party“ ist im Gange. Angezogen wird, was peinlich sein soll, ich kann den Unterschied zu dem, was sonst als unpeinlich gilt, nicht entdecken. Mit melancholischen Gedanken über das Älterwerden betrete ich den Innenhof und höre eine Mädchenstimme: „Achtung, da kommt einer!“ Drei Jungs stehen auf dem Hof und pissen in die Ecke. Ich versuche mich an einem lockeren Spruch: „So, jetzt aber mal die Wasserwerfer abschalten.“ Im selben Moment frage ich mich, ob ich das wirklich gerade sage oder ob wieder dieser verkorkste Außerirdische durch mich spricht. Ich versuche es seriöser: „Das könnt ihr nicht machen. Ihr pisst der alten Frau einfach vors Fenster!“

„Was willst denn du, du zugezogener Yuppie?“ blökt das Mädchen. – Da spreche ich ein paar Sätze, wie mir scheint völlig dialektfrei, und schon bin ich als Zugezogener entlarvt. Ich sage: „Nicht jeder, der nicht nachts auf Höfe pisst, ist ein Yuppie.“ Wieso sage ich so etwas? Das versteht kein Mensch. „Wegen Typen wie dir steigen hier die Preise!“, kommt es griffiger zurück. So sieht es aus: Ich bin fremd. Bin unerwünscht und darf als Yuppie beschimpft werden. „Yuppie!“ denke ich, „Ich zeige dir gleich mal meine Kontoauszüge, verzogenes Gör!“ Aber es hat ja alles keinen Sinn. Geschlagen schleiche ich in meine Wohnung.

Ich spüre die Wut in mir, arbeite an Wortspielen mit „ungezogen“ und „zugezogen“ und male mir aus, wie ich die pissende Brut gegeneinander schubse bis sie wirklich „bad taste“ aussieht. Es ist furchtbar, unwillkommen zu sein als Feindbild herhalten zu müssen. Manchen passiert so etwas viel öfter als mir, und es ist ein Wunder, dass sie nicht allesamt vor Wut gegen Urberliner Amok laufen. Ich nehme mir fest vor, künftig die Witze über Schwaben in Prenzlauer Berg zu unterlassen. Anselm Neft

„Schwarzwaldstuben“, Tucholskystraße 48

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