Kultur : Was machen wir heute?: Flagge zeigen

Andreas Austilat

Hatten Sie auch schon mal eine Nationalstolzdebatte zu Hause? Wir ja. Das erste Mal war, glaube ich, vor vier Jahren auf einem italienischen Campingplatz. Da hingen lauter Fahnen am Eingang: die italienische natürlich, die holländische, die britische und eben auch die deutsche. "Haben die hier keine Fahne für Berlin?", hat unser Sohn ein wenig enttäuscht gefragt. Nein, habe ich ihm geantwortet, das ist nicht nötig, Berlin liegt ja in Deutschland.

Das hat er zuerst gar nicht verstanden, wo Berlin doch so groß ist. Deutschland ist eben noch größer, habe ich ihm erklärt. Wie man so etwas halt so sagt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das einen fünfjährigen Jungen derartig bewegt. "Noch größer als Berlin?", hat er gefragt. Er war beeindruckt.

Die Sache hatte dann Folgen. Bis dahin malte er nämlich ganz normale Bilder, wie alle Kinder sie so malen: ein Haus, ein Baum, eine Wiese, mal ein Auto oder ein Tyrannosaurus. Und in die Ecke kam immer eine lachende Sonne. Aber so, wie er immer eine Sonne gemalt hatte, brachte er fortan immer irgendwo eine kleine schwarzrotgoldene Fahne unter, gewissermaßen als Signet.

Er machte das überall, im Kindergarten und sogar noch in der Schule. Gelinde gesagt, fand ich das ein wenig übertrieben. Ich meine, wir pflegen durchaus einen internationalen Freundeskreis. Und die deutsche Fahne auf jedem Bild, die Leute müssen ja denken, bei uns zu Hause sieht es aus wie im Bundeskanzleramt. Der Junge aber war gar nicht davon abzubringen, er war irgendwie stolz, dass so ein kleiner Junge in einem so großen Land wohnte.

Ich habe ihm dann eine Weltkarte besorgt und versucht klarzumachen, dass es ja irre viele Länder gibt. Und irre viele Fahnen. Und dass manche Länder kleiner sind und andere größer. Und dass das kein Kriterium dafür ist, wie schön ein Land ist. Und überhaupt, warum er denn dauernd die schwarzrotgoldene Fahne dahin male? Eine Sonne, klar, die scheint über allem. Aber eine Fahne? Er hat nur mit den Achseln gezuckt.

Ein paar Jahre später waren wir dann wieder in Italien. Am Strand haben sie Fußballtrikots verkauft, und der Junge hat sich die so angeguckt. "Na Ragazzo", hat der Verkäufer gefragt, "willst Du einen Bierhoff oder einen Matthäus?" Das waren die einzigen deutschen Nationaltrikots, die er in seinem Sortiment hatte. Ich weiß gar nicht mehr, ob es nach der Welt- oder nach der Europameisterschaft war. Jedenfalls hat unser Sohn gelacht bei der Vorstellung, in einem deutschen Trikot mit Matthäus oder Bierhoff hinten drauf rumzulaufen. Er hat sich dann stattdessen für ein Bayern-München-Trikot des Brasilianers Elber entschieden.

Wenn heute Albanien gegen Deutschland spielt, bin ich gar nicht so sicher, ob er sich das überhaupt noch anschauen will. Ganz anders FC Bayern, wenn die spielen, guckt er schon hin. Ach ja, und das mit der Fahne auf seinen Bildern, das hat sich inzwischen auch erledigt. Mit nationalen Symbolen hat er es nicht mehr so. Ich glaube, er hält es jetzt mehr mit einem Europa der Regionen.

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