Was machen wir heute? : Fliegen

Robert Ide

Ich habe die Mauer schon als kleines Kind gesehen. Hinter dem Kleingarten meiner Eltern in Rosenthal erhoben sich die Neubaublocks des Märkischen Viertels, die in meinem Schulatlas nicht eingezeichnet waren. Manchmal machten Menschen dort drüben die Fenster auf und sahen uns bei der Gartenarbeit oder beim Grillen zu. Diese Menschen gab es für uns eigentlich gar nicht.

In der Kleingartenanlage „Rosenthal Süd“ haben wir niemals einen Schuss gehört, nur das Bellen der Wachhunde. Dennoch hat unsere Familie jederzeit damit gerechnet, einmal von einem Schuss aufgeschreckt zu werden. Den Schießbefehl gab es – in jedem unserer Köpfe. Kein Tag im Garten konnte vergehen, ohne dass wir einen Soldaten sahen, mit Uniform, Gewehr und farblosem Blick. Sie saßen in umgebauten und in Tarnfarben angemalten Trabbis und fuhren die Staatsgrenze ab. Einmal brachten sie meine Schwester im Tarntrabbi zurück zur Laube. Sie hatte mit ihrer Spielschippe ein Alarmkabel ausgegraben. Fortan durfte meine Schwester nicht mehr an der Mauer spielen, obwohl dort feiner Sand wie am Meer lag. Erst viel später habe ich begriffen, warum das so war. An der Mauer sollten keine Grünpflanzen wachsen.

Ich habe als Kind mal die Mauer fotografiert. Als ich mir die Bilder aus dem Fotoladen abholte, waren alle entwickelt – außer die von der Grenze. Irgendwer hatte sie aussortiert. Aber wer? Schon als Kind merkte ich, dass ich die Mauer vergessen sollte, dass ich nicht über sie zu sprechen hatte. In Pankow flogen Flugzeuge über uns hinweg, unterwegs zum West-Berliner Flughafen Tegel. Eigentlich gab es diese Flugzeuge für uns nicht. Aber immer sah ich ihnen nach.

Meine Schwester ist inzwischen Energieelektronikerin – Kabel faszinieren sie immer noch. Sie hat eine Firma in Tempelhof gegründet. Neulich bin ich mit dem Flugzeug über ihr Haus hinweggeflogen. Und dann über die ganze Stadt. Robert Ide

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