Kultur : Was machen wir heute?: Flüssig diktieren

Markus Huber

15 Monate bin ich jetzt schon in dieser Stadt, eigentlich eine relativ lange Zeit, und trotzdem musste ich in den vergangenen Tagen immer wieder feststellen, dass mich die Leute hier einfach nicht richtig verstehen. Damit meine ich nicht nur die unterschiedliche Mentalität, sondern vor allem auch die Sprache. Seltsame Sache, denn bisher dachte ich, dass die Basis des Berliner Geplappers, selbst wenn es von einem schweren Reichstagsakzent überlagert ist, doch das Deutsche ist. Ich glaube, ich habe mich getäuscht.

Ich könnte jetzt über sprachliche Albernheiten wie Schrippen statt Semmeln, Wiener statt Frankfurter oder Tüten statt Sackerl Scherze treiben. Mache ich aber nicht, weil das sprachliche Schrulligkeiten des Berliner Slangs sind, über die man hinwegsehen kann. Vor 15 Monaten hatte ich begonnen, ein Vokabelheft "Berlin für Anfänger" zu führen, dass mir nun den Wochenendeinkauf erleichert.

Doch am vergangenen Sonntagabend hat mich das Berlinerische wirklich getroffen. Erstmals fühlte ich mich durch die komische Sprache dieser Stadt in meinem Leben stark eingeschränkt, mehr noch, ich wurde sogar in den Grundfesten erschüttert. Und das kam so: Vergangene Woche erstand ich bei Ikea ein Schlafsofa. Beim Transportservice wurde mir eine Nummer ausgehändigt, unter der ich am Tag vor der Lieferung anrufen sollte, um dann den genauen Lieferzeitpunkt zu erfahren. Soweit, so leicht. Und jetzt der Sonntag: Hoffnungsfroh wählte ich die 0180-Nummer und hörte ein Tonband. "Diktieren Sie flüssig Ihre Auftragsnummer, dann erfahren Sie Ihren Liefertermin." Sollte nicht so schwer sein, dachte ich, und diktierte flüssig.

"Leider konnten wir ihre Nummer nicht verstehen. Versuchen sie es noch mal", sagte die Stimme. Ich grübelte und versuchte so Reichtstagsdeutsch wie möglich zu diktieren. Wieder das Tonband, wieder der negative Bescheid. Ich probierte es noch mal und noch mal, nach dem vierten Versuch erklärte mir das Tonband, dass man mich nicht verstanden hatte. Ich wurde aus der Leitung geschmissen.

Anfangs glaubte ich, einen technischen Defekt ausgemacht zu haben und fing noch mal von vorne an. Das gleiche Spiel. Entnervt rief ich einen Berliner Freund an, gab ihm die Daten und wartete. "Alles funktioniert", versicherte er mir, "Dein Sofa kommt morgen um neun." Ich war konsterniert und fühlte mich von dem doofen Tonband diskriminiert. Ob Ikea was gegen Österreicher hat? Ich rief meinen des Deutschen durchaus mächtigen Münchner Freund Hugo an. Er testete seinen Dialekt freundlicherweise auch am Ikea-Band. Und scheiterte.

Danach trafen wir uns auf ein Bier und Wiener Schnitzel im österreichischen Restaurant Schweighofer in Charlottenburg. Nach dem dritten Bier stimmten wir überein, dass Frank Steffel doch kein schlechter Mensch wäre - und Recht hat mit seiner Behauptung, dass München die schönste Stadt Deutschlands sei.

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