Was machen wir heute? : Fontane hören

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Brigitte Grunert

Im RBB-Kulturradio wird jetzt wieder Theodor Fontane gelesen, Effi Briest. Unsereiner kann es sich ja leisten, nachmittags zwischen halb drei und drei die Literaturlesungen zu hören (Wiederholungen gibt es auch nach den 23-Uhr-Nachrichten). Fontane passt auch wunderbar in die Adventszeit. Heutzutage hört sich das Dramatische in seinem Roman direkt beschaulich an.

Was haben wir früher Fontane verschlungen, wie gern haben wir die Rezitationen seiner Werke im Rundfunk gehört, Frau Jenny Treibel, der Stechlin, Irrungen, Wirrungen oder eben Effi Briest. Alle waren wir Fontane-Fans zu Mauerzeiten, in Ost und West, weil er der Geschichte Berlins und der Mark Brandenburg Farbe gab, weil das Märkische vom Westen her schwer zu erreichen war. Nach der Wende hat sich diese Sehnsucht erledigt, Fontane verblasste. Wissen junge Leute überhaupt viel mit ihm anzufangen?

Als die Rentnerin 14 war, schenkte ihr jemand Effi Briest mit der sinnigen Widmung: „Jetzt wirst Du es noch nicht verstehen …“ Es geht um eine junge Frau, die an den grausam strengen gesellschaftlichen Konventionen des späten 19. Jahrhunderts zerbricht. Ihre Liebelei mit einem windigen Major wird ihr Jahre später zum Verhängnis, als der Ehemann hinter die alte Kamelle kommt. Um seiner Ehre willen verstößt er seine Frau, und erschießt den Major im Duell, die arme Effi verkraftet das nicht, sie stirbt.

Ganz anders das Vorbild der literarischen Figur, Elisabeth von Ardenne, die Großmutter Manfred von Ardennes. Auch ihr Liebhaber wurde vom Ehemann im Duell getötet, anno 1886 in der Berliner Hasenheide. Das war schlimm für sie, aber nach der Scheidung lebte Elisabeth von Ardenne richtig auf. Sie wurde Krankenpflegerin, eine moderne, geradezu emanzipierte Frau. Mit 60 lernte sie Ski fahren, mit 80 soll sie erstmals aufs Fahrrad gestiegen sein. Im Alter von 99 Jahren starb sie 1952 in Lindau am Bodensee. Fontane hätte sicher gestaunt über die „wahre Effi“. Ihr Grab liegt übrigens auf dem Friedhof Stahnsdorf bei Potsdam und Berlin.

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