Kultur : Was machen wir heute?: Französische Rechnungen bewundern

Britta Wauer

Eine der weniger beachteten Auswirkungen der Krise am Neuen Markt sind die traumatisierten Buchhalterinnen. Erst wurde aus jeder kleinen Einzelfirma eine AG und jetzt zerfallen die ganzen Gesellschaften wieder in lauter GmbHs, KGs, GBRs oder in komplett neue Wortgemeinschaften. Ein einziges Leiden für die Buchhaltung. Ständig muss man Rechnungen an Firmen umformulieren, die zwar letzte Woche noch etwas unter ihrem cool klingenden Namen bestellt hatten, aber diese Woche schon nicht mehr existieren. Dafür sind sie aufgegangen in irgendeine andere Wortschöpfung, die aus unaussprechlichen Zahlen, Buchstaben und Punkten besteht.

Rufen Sie doch mal in einer x-beliebigen Buchhaltung einer mittelständischen Firma an und bitten höflich um eine korrigierte Rechnung. Wenn Sie eine halbwegs entspannte Person am anderen Ende der Leitung haben, können Sie neben einem hysterischen Gebrüll vielleicht noch ein paar Gründe für den momentanen Gemütszustand erfassen. Meist aber müssen Sie jetzt Tiraden über ständige Änderungen bei Anschriften ertragen. Außerdem koste das jetzt was, da nützt es gar nichts, wenn Sie beteuern, schon immer Max Maier und noch nie Schulze geheißen zu haben und es schön finden würden, einfach richtig bezeichnet zu werden.

Überhaupt scheinen die Damen und Herren aus den Finanzabteilungen so sehr mit dem Neuschreiben von Rechnungen ausgefüllt zu sein, dass sie nicht mehr dazu kommen, den eigenen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Da aber jeder irgendwie auf sein Geld angewiesen ist, bittet man heutzutage gern Kollegen um Tipps bei zahlungsmoralischen Angelegenheiten. Mehrere Bekannte sind zum Beispiel seit Monaten einer französischen Freundin behilflich, die größte Schwierigkeiten hat, den deutschen Standards der Rechnungsstellung gerecht zu werden. Aus irgendeinem Grund sind es vor allem Franzosen, die eine freigeistige Einstellung zur Buchhaltung besitzen. Gelegentlich können wir aber von deren Methoden profitieren, denn kleine Inseln der Glückseligkeit existieren auch mitten in unserer Stadt.

So gibt es die wahrscheinlich schönsten Rechnungen Berlins in einem französischen Restaurant in Charlottenburg. Statt einer Auflistung der genossenen Speisen nebst Preisen, bekommt der Gast hier selbst bemalte Zettelchen, die das Verzehrte in mehrfarbigen Karikaturen wiedergeben - selbstverständlich im unversehrten Zustand. So reihen sich neben ein paar Champignons und Fischen auch lustige Schnecken und gefüllte Weingläser auf dem Blatt, an dessen Ende neben einer Krone die Endsumme prangt. Die ist dafür so lässig hingeschmiert, dass darüber noch ein gewisser Interpretationsspielraum besteht. Insgesamt also eine unverkrampfte Art der Rechnungslegung, die allerdings nur fasziniert, solange sie kein deutsches Finanzamt zu sehen kriegt.

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