Kultur : Was machen wir heute?: Frevelhafte Bräuche lieben

Britta Wauer

Die Berliner haben keinen Respekt. Weder vor ihren Mitmenschen noch vor den Feiertagen und schon gar nicht vor Gott. Zugezogene entdecken das immer wieder und sind schwer besorgt.

Ein älterer Herr, einst Politiker in Bonn und seit kurzem in der Stadt, ist ratlos. Sein neues Haus am Rande Berlins sei wunderbar und die Nachbarn ganz famose Leute. Nur eben das mit der Wäsche, das schockiere ihn zutiefst.

Jenseits des Zauns, beim Nachbarn schräg gegenüber, flattert die Wäsche friedlich vor sich hin. Der Anblick ist für den alten Mann kaum zu ertragen: große Bettlaken, bunte Socken und die Dessous der Nachbarin. Was für eine Indiskretion! Die haben doch alle Waschmaschinen und Wäschetrockner - trotzdem hängen sie ihre persönlichen Sachen öffentlich zur Schau. Und das am liebsten sonntags, wenn man ringsherum Kaffee trinkt. Ein Blick über den Tassenrand - schon weht einem ein Schlüpfer vors Auge. "Schöne Unterwäsche haben Sie!", hat er den Nachbarn mutig zugerufen. Aber die haben sich nur über das Kompliment gefreut und nicht gemerkt, dass es dem älteren Herren peinlich ist.

Wehende Wäsche ist keineswegs ein Indiz für Berliner Randgebiete. Trotzig flattern die Unterhosen auch direkt gegenüber dem Zentrum der deutschen Politik. Wenn man mit der S-Bahn von Westen in den Bahnhof Friedrichstraße einfährt, liegen linker Hand ein paar Hinterhöfe direkt an der Schienentrasse. Im Vorbeirauschen erhaschen Berufspendler, Touristen und Volksvertreter einen schlüpfrigen Blick auf die intimen Kleidungsstücke, die dort zum Trocknen aufgereiht sind. Für religiös fest verankerte Menschen, wie solche aus Bayern, ist der unverkrampfte Umgang mit dem Heiligsten in der Regel ein Schock.

Im Sommer sind hier zu Lande zum Beispiel auch die Friedhöfe sehr beliebte Ausflugsorte. Da öffentliche Parkanlagen seit Jahren bis zum letzten Zentimeter in der Hand grill-hungriger Familienclans liegt und die Reise ins Brandenburger Land ohne Auto meist beschwerlich ist, sind Friedhöfe eine praktische Alternative.

Die meisten Begräbnisstätten sind natürlich eng belegt. Hier bietet sich ein kurzer Spaziergang an, bei dem man sich mal wieder seiner eigenen Endlichkeit bewusst werden darf. Zum Ausruhen muss dann die nächsten Parkbank reichen.

Es gibt aber auch Friedhöfe, auf denen schon lange niemand mehr bestattet wird und die eher einer Parkanlage ähneln. Auf dem Garnisonsfriedhof, einem kleinen grünen Flecken unweit der Rosenthaler Straße in Mitte, liegen zum Beispiel die Offiziere des preußischen Heeres und in prächtig gestalteten Gräbern. Dazwischen scheint die Sonne auf viel grüne Wiese. Ein wunderbarer Ort zum Picknicken. Es sind auch schon Menschen beobachtet worden, die hier im Halbschatten die Belege ihrer Steuererklärung sortiert haben. Was vor den Augen einer Engelsstatue ja auch eine heilige Angelegenheit sein kann.

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