Was machen wir heute? : Für die Völkerfreundschaft tanzen

Wenn am Tor der Deutschen bei einer türkischen Multikultiparty eine bunte Schar Kinder wie von der Tarantel gestochen durcheinandertobt, dann dient unser Nachwuchs damit der großen europäischen Idee, das Gift des Nationalismus wegzutanzen

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An diesem Wochenende muss ich arbeiten. Darum kann ich nicht dabei sein, wenn Emma am Sonntag am Brandenburger Tor ihren großen Auftritt hat. Dort tanzt sie für einen anderen Vater, für Mustafa Kemal Atatürk. Der Vater der Türken hat in den 20er Jahren einen Feiertag für Kinder begründet. Unter dem Motto „Çocuklarimiz gelecegimizdir“ (Unsere Kinder sind unsere Zukunft) richten inzwischen Türken in aller Welt Kinderfeste aus, um die internationale Verständigung zu fördern. Am Wochenende wird am Brandenburger Tor anlässlich des „23 Nisan“ ein großes Multikultifest gefeiert.

Emma tanzt also streng genommen nicht für die Kemalisten, sondern für die Völkerfreundschaft. Meine siebenjährige Tochter tritt mit ihrer Tarantella-Gruppe aus der Schöneberger Finow-Grundschule auf, einer deutsch-italienischen Europaschule. Die Tarantella ist ein ziemlich wilder Tanz aus Süditalien. Vermutlich geht der Name auf die Stadt Tarent zurück. Einer Legende zufolge diente das äußerst anstrengende Gehopse einst dazu, sich nach dem Biss einer Tarantel („tarantula“) das Spinnengift aus dem Körper zu tanzen.

Im übertragenen Sinne könnte man sagen: Wenn am Tor der Deutschen bei einer türkischen Multikultiparty eine bunte Schar Kinder wie von der Tarantel gestochen durcheinandertobt, dann dient unser Nachwuchs damit der großen europäischen Idee, das Gift des Nationalismus wegzutanzen – ohne die Vielfalt der Kulturen zu nivellieren. Ich glaube, so ähnlich hat sich das Helmut Kohl gedacht, als er seine Vision vom Europa der Vaterländer erträumte.

Es ist schön zu wissen, dass die Kinder sich nützlichen und großen Dingen widmen, wenn Papa im Büro sitzen muss. Auch meine Dreijährige tut schon, was sie kann. Während Emma tänzerisch die Europatauglichkeit der Türkei demonstriert, pflegt Klein-Greta zur selben Zeit die transatlantischen Beziehungen. Sie ist am Sonntag zu einem Kindergeburtstag eingeladen – in einem amerikanischen Schnellrestaurant. Stephan Wiehler

Internationales Kinderfest am Brandenburger Tor, heute und morgen von 10 bis 21 Uhr

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