Was machen wir heute? : Füße bedecken

Sonja Niemann

Wo ich aufgewachsen bin, in der niedersächsischen Kleinstadt, gab es ein Straßenfest pro Jahr: das Stadtfest im Sommer. Hauptattraktion war der Pizzeria-Stand mit extra-fettigen Calzones (galt als exotische Spezialität) sowie eine „Roxette“-Coverband. Hier in Berlin ist das natürlich ganz anders, da ist ja jedes Wochenende was: Beim Karneval der Kulturen, Bergmannstraßenfest und auch beim schwul-lesbischen Stadtfest war ich schon, vielleicht schaffe ich es dieses Jahr auch zum „Internationalen Bierfestival“.

Ein Stand fiel mir auf mehreren Festen auf: Dort wurden Zehringe verkauft, Ringe für die Füße. Ich stand in der Bergmannstraße eher zufällig davor, ich hatte Sandalen an, und der Verkäufer fragte mich, ob ich nicht mal einen Zehring anprobieren wolle. Die Stücke waren eigentlich ganz schön. Und doch fühlte ich mich so peinlich berührt wie meine Oma, als sie das erste Mal meine „Die Ärzte ab18“-Kassette mitanhören musste. Einem fremden Mann mitten auf der Straße am Ende eines heißen Sommertages meinen nackten und ziemlich benutzten Fuß hinzuhalten – das ging nun wirklich nicht. Was Füße angeht, bin ich ausgesprochen prüde. Es sind praktische Körperteile, wär auch blöd ohne, aber ich möchte da nicht unnötig Aufmerksamkeit drauf lenken. Der Verkäufer erklärte, dass der Ring doch gerade von Problemen im Fußbereich ablenke: „Ein Ring spart mindestens ein halbes Jahr Fußpflege“. Ich musste an einen Bekannten in Hamburg denken, der mal eine seiner Flirtpartnerinnen mit den Worten begrüßte: „Hallo, du 1,61 Meter purer Sex!“ Darauf sie: „Ich bin doch 1,64 groß.“ Und er: „Ich weiß, aber Füße finde ich unerotisch.“

Ich lehnte die Ringanprobe endgültig ab.

Einen Flyer nahm ich aber mit. Darauf steht, dass man selbst Gastgeber einer „Zehringe-Party“ bei sich zu Hause werden könne, also so was wie eine Tupper-Party, nur mit Füßen. Ich selbst würde meine Provision in neue Schuhe investieren. Sonja Niemann

Der Zehringe-Stand ist sicher auf dem nächsten Berliner Straßenfest zu finden.

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