Was machen wir heute? : Funktional speisen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann: Werbezettel analysieren.

Jochen Schmidt

Das Imbissangebot in der DDR beschränkte sich auf Fleisch oder mitgebrachte Stullen. Dass es in Berlin Kett-Würste gab, also auf revolutionäre Weise ins Brötchen gesteckte Wiener, lohnte für viele schon die Anreise aus der Provinz. Man ging eher zum Bäcker und kaufte sich eine Streuselschnecke, wenn man Hunger hatte. Nach der Wende wurden dann Berge von Dönern verschlungen. Aber das Dönerfleisch wurde immer weniger, das Brot pappiger, die Tomatenstückchen sparsamer zugeteilt. Es war nie wieder wie beim ersten Mal.

Nach den Dönern kamen Chinapfanne, indische Currypampe, Schawarma und Sushi. Wenn die Schönhauser-Allee-Arcaden ein Spiegelbild der Gesellschaft sind, dann leben wir im Kommunismus, wenn dort nur noch geschmackvolle Kleidung und gutes Essen verkauft werden. Ein Schritt dorthin wurde jetzt gemacht, denn die Remouladenpanscher von „Nordsee“ mussten weichen, und plötzlich gibt es „Immergrün“, die Filiale einer neuen Smoothie- und Salatkette, die „functional food“ anbietet. Der Obst-Shake wird je nach erwünschter Wirkung mit Guarana, Proteinen oder Acerola versetzt. Alles soll freundlich wirken, das Personal strahlt auf 400-Euro-Basis Lebensfreude aus. „99 Prozent fettfrei, einfach weil Immergrün mag Euch“, sagt der Werbezettel.

Der dem „weil“ nachgestellte Hauptsatz ist eine der sprachlichen Unerträglichkeiten, die nach der Wende aus dem Westen rübergeschwappt sind. Man kämpft einen einsamen Kampf, wenn man sein Kind in Prenzlauer Berg wieder zum Berlinern bewegen will. Die Gesellschaft entfremdet uns unseren Nachwuchs. So war es wohl auch für unsere Eltern, die wir damit schockten, dass wir beim 1.Mai eine Fahne tragen wollten. Liebes Immergrün, ich erwarte nicht, dass mich mein Imbiss lieb hat oder mich duzt, ich bin schon dankbar, wenn es dort nicht nach Ditsch riecht. Willkommen in meiner Nahrungskette!

Immergrün, Schönhauser Allee Arkaden, www.mein-immergruen.de

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