Kultur : Was machen wir heute?: Fußgänger ärgern

Markus Huber

Es ist Frühling, das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Sie sind wieder da. Aus allen Ecken der Stadt kriechen sie, setzen, egal wie toll das Wetter ist, das strahlendste menschenmögliche Gesicht auf, nerven mich mit ihrer guten Laune. Sogar morgens schon, um neun, wenn ich mit dunklen Ringen unter den Augen den Albtraum meiner schlaflosen Nächte, besser bekannt als Maria, meine 17 Monate alte Tochter, Richtung Kita schiebe. Sie sind so unerträglich toll drauf, so hyperaktiv, sie gehen so bewusst in den Tag, das ich ihnen Tag für Tag eine scheuern könnte. Sie sind meine natürlichen Feinde - Berlins abermillionen Radfahrer.

Nirgendwo sonst in der zivilisierten westlichen Welt gibt es so viele davon wie in Berlin. In New York schon mal einem Radfahrer begegnet? Eben. In Wien? Paris? Tokyo? Natürlich nicht. Wenn, dann sind das Leute, denen noch die Müsli-Reste im Bart kleben, und die zählen seit Rostock 2001 noch nicht mal mehr auf den Bundeskongressen der Grünen. An manchen Tagen, wenn ich übernächtigt - meine Tochter zahnt gerade zum zehnten Mal, Anm. - aus der Oranienburger Straße in Richtung Bundespressekonferenz aufbreche, fühle ich mich wie in Saigon. Aber dort wäre es wenigstens wärmer.

Warum sie sich gerade in Berlin so festgesetzt haben? Keine Ahnung, wirklich nicht. Es ist ja nicht so, dass es in Berlin kein gut ausgebautes U- und Straßenbahn-Netz gäbe. Und auch die Straßen sind nicht so schlecht, dass man sich nicht mit einem normalen motorisierten Gefährt von A nach B begeben könnte. Aber offensichtlich ist es hip, sich auf das Fahrrad zu schwingen.

Drei Arten von Radfahrern sind mir bisher in der Stadt aufgefallen: Die Ex-Grünen, die Autos prinzipiell ablehnen. Die Otto-Normalverbraucher, die sich das Fitnessstudio sparen wollen. Und die Anzugträger, die auf dem Weg ins Fitnessstudio noch drei Kalorien zusätzlich verbrennen wollen.

Im Grunde wären das ja alles gute Gründe. Aber in der Praxis fahren sie mich morgens alle über den Haufen. Habe ich mich dann endlich über die Friedrichstraße gekämpft und zwei bis drei Radfahrer, die mir um ein Haar in den Kinderwagen gekracht wären, beschimpft, habe ich mich die Reinhardstraße vorgekämpft, in der mir täglich mindestens fünf von ihnen den Platz auf dem Gehweg streitig machen, weil es auf der Straße so viele Schlaglöcher gibt, und bin ich dann endlich im Büro angekommen, dann geht der Kampf weiter. Überall im Büro stehen diese Pseudo-Hightech-Geräte herum, weil auch die Kollegen hier im Haus immens körperbewusst und deswegen Fahrrad-affin sind. Wer es nicht weiß, wie viel Schmutz Stollenräder auf einen Parkettboden machen, darf mich gerne mal besuchen.

P.S.: Seit vergangenen Samstag, 15 Uhr, schlage ich übrigens zurück. Ich habe mir ein Trekkingrad gekauft. Und glauben Sie mir - ich bin ein echter Rüpel auf der Straße. Meiner Tochter, die jetzt immer auf dem Kindersitz in Richtung Kita gefahren wird, macht es großen Spaß, wenn ich Fußgänger erschrecke.

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