Was machen wir heute? : Gaffen

Wie eine West-Berliner die Stadt erleben kann

Christian van Lessen

Den kenne ich doch, denk’ ich und starre den Mann an. Wer ist das nur? Es fällt mir nicht ein. Gerade ist er in die U-Bahn am Nollendorfplatz eingestiegen, ins kleine Abteil, mir gegenüber, wir zwei allein. „Starre nicht so die Leute an, das gehört sich nicht“, habe ich schon als Kind hören müssen. Ich will gar nicht starren oder gaffen, ich muss es. So geht mir das oft in der U3 Richtung Krumme Lanke, auch in der Pankower Linie 2. Meist kann ich Gesichtern die passenden Namen zuordnen: Erkenne dann den früheren amerikanischen Botschafter, die frühere Bundesministerin, den bekannten Fernsehjournalisten, den TV-Kommissar oder den Schauspieler, der immer nur böse Leute spielt und auch in Wirklichkeit böse guckt. Natürlich spreche ich die Leute nicht an und bitte gar um ein Autogramm. Das wäre überaus peinlich und würde mich als Provinzler entlarven.

Zu West-Berliner Zeiten, als wir noch Provinz waren und sich bekannte Schauspieler und andere Promis eher in München oder sonstwo aufhielten, wäre ich vielleicht gedanklich ausgeflippt. Aber längst bleibe ich als gelernter Metropolist gelassen. Und bin taktvoll genug, dem Blick elegant auszuweichen, wenn mich der Angestarrte selbst angafft, vielleicht in der Hoffnung, erkannt zu werden. Der aber, der mir vor ein paar Tagen begegnet ist, würdigt mich keines weiteren Blickes. Als es im Zug richtig laut wird, weil ein fernsehbekannter Bundestagsabgeordneter – der Name fällt mir nicht ein – seinem Assistenten einen Witz erzählt, runzelt mein Gegenüber nur die Stirn. Schauspielreif. Nach vier, fünf Stationen steigt er aus und überlässt mich meiner Grübelei. Abends ist mir der Name plötzlich eingefallen. Als ich dann zufällig im Fernsehen „Das Wunder von Lengede“ sehe, erkenne ich meinen Nachbarn sofort und bin ganz stolz, Heino Ferch gerade erst so nah’ gewesen zu sein. Oje, bin wohl ein Provinzler geblieben. Christian van Lessen

Angaffen sollte man Menschen eigentlich nicht. Dafür eignen sich eher Film und Fernsehen. Oder Tierpark und Zoo. Knut etwa steht uns jetzt auf unabsehbare Zeit zur Verfügung.

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