Kultur : Was machen wir heute?: Gar nichts

Bernd Ulrich

Etwas Unrealistisches ist an diesen Vater-Kolumnen, aber womöglich auch an den Mutter-Kolumnen. Denn sie handeln eigentlich immer davon, was wir mit unseren Kindern so machen, was wir erleben, wenn wir mit ihnen zusammen sind. Die Wahrheit ist, ich spreche da mal nur für mich, dass ich mit den Kindern meistens nicht zusammen bin, sondern arbeite oder schlafe. Deswegen habe ich natürlich ein schlechtes Gefühl, weil ich was verpasse, und ein schlechtes Gewissen, weil die Kinder was verpassen.

Trotzdem haben meine Frau und ich mit voller Absicht eine ganze Woche Abwesenheit von den Kindern geplant und durchgezogen. Zum zehnten Hochzeitstag haben wir uns eine Reise zu zweit nach Portugal geschenkt. Wir wollten doch nach zehn Jahren mal sehen, ob es uns noch gibt, oder ob wir uns komplett in zwei bloße Elternteile verwandelt haben. Eine interessante Erfahrung.

Die Kinder waren selbstverständlich gut versorgt. Trotzdem mussten wir uns in den ersten Tagen des Urlaubs immer wieder gegenseitig bestätigen, dass wir das nach all den Jahren mal verdient haben. Oder nicht? Doch. Doch wirklich. Es dauerte auch ein paar Tage, bis wir damit aufhörten, anderleuts Kindern versonnen hinterher zu schauen. Ab dem vierten Tag jedoch begannen wir, schamlos zu genießen, dass mal niemand zwischen uns ging, an uns hing, niemand ein Eis wollte, außer uns selbst.

Wir sind dann auch einmal bis nachts um zwei in einem Lissaboner Weinlokal geblieben, wahrscheinlich nur, weil wir es konnten. Außerem haben wir uns zum ersten Mal ein Cabrio gemietet, um die Illusion der Freiheit perfekt zu machen. Die Rückbank war so schmal, dass da niemals ein Kindersitz draufgepasst hätte. Ja, wir waren schon ziemlich cool in diesen kurzen Tagen von Lissabon. Obwohl man vielleicht zugeben muss, dass wir praktisch jeden Tag nach Mitbringseln Ausschau gehalten haben. (Es gibt übrigens auch in Portugal, wie in den meisten Ländern, diese schönen Gummitiere von der Firma Schleich aus Deutschland, über die sich die Kinder immer freuen, egal aus welchem Land wir sie reimportieren.)

Nun ist es neuerdings so, dass auch die Kinder öfter mal die Abwesenheit suchen. Franziska, unsere Älteste, sowieso. Aber kurz vor unserem Urlaub hat auch der vierjährige Fritz zum ersten Mal bei einem seiner Kindergarten-Kumpels übernachtet. Das hat auch soweit alles ganz gut geklappt, wir wurden nicht, wie erwartet, nachts um eins aus dem Bett geklingelt, um unseren Kleinen abzuholen. Nur war unser Fritz den ganzen nächsten Tag so deprimiert, wie wir ihn selten erlebt haben. Wir haben ihn gefragt, ob er sich mit seinem Kumpel gestritten hat. Kopfschütteln. Ob er schlecht geträumt habe. Kopfschütteln plus geschürzte Lippe. Ja, was war denn? "Ich habe überhaupt nicht an Euch gedacht", quetschte Fritz am Ende tränennah hervor. Der Junge hatte also allen kindlichen Ernstes ein schlechtes Gewissen, weil er mal acht Stunden lang nicht an uns gedacht hat. Ist er nicht wunderbar?

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