Was machen wir heute? : Geduld üben

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Christian van LessenD

Volle Geschäfte, als ob Weihnachten noch bevorstünde! Auch meine Frau ist noch immer in festlichster Kauflaune, und ich muss sie oft begleiten, höchst widerwillig. Einkaufen oder gar umtauschen ist nicht meine Welt, fürs Schlendern an Regalen bin ich viel zu ungeduldig! Fast immer fällt mir dann Loriots Film „Pappa ante portas“ ein, mit jenem bedauernswerten Heinrich Lohse, dessen Frau Renate ihn durchs Kaufhaus schleppt. Bis er irgendwann, ziellos hin und her wandelnd, mit gereiztem Unterton fragt: „Sag’ mal, willst Du noch lange rumgucken – und wie lange meinst du denn, bis du alles gesehen hast, in aller Ruhe? Was suchst du eigentlich?“ Die Antwort seiner Frau: „Ich weiß nicht.“

So ein Lohse bin ich auch. Doch ich lerne, so gut wie möglich, mir zu helfen, suche bei solchen Ungelegenheiten schnell ein möglichst bequemes Plätzchen, auf dem ich mich in Geduld üben kann. Viele Geschäfte haben erst spät den Charme dieser Sitzmöbel entdeckt, die Kunden werden ja auch älter. Mein gegenwärtiger Favorit zum Ausruhen ist das breite Sofa in einem Bekleidungshaus an der Steglitzer Schloßstraße. Während meine Frau auf unabsehbare Zeit verschwindet, kuschele ich mich in das schwarze, weiche Möbel in Sichtweite der Kassen. Es ist für mich wie eine Rettungsinsel, oft merke ich gar nicht, wie schnell so eine Stunde vergeht, schließe entspannt die Augen oder betrachte die Leute. Es gibt einige, die mich kritisch mustern, weil sie glauben, ich wärmte mich nur auf oder wartete auf eine milde Gabe. Manche Kunden halten mich für die Aufsicht oder den Hausdetektiv.

Irgendwann setzt sich meist ein anderer Mann neben mich, oder noch einer, drei passen aufs Sofa. Wir verstehen uns wortlos. So lange wie ich aber muss keiner warten, bis er abgeholt wird. Christian van Lessen

Das französische Kaufhaus an der Friedrichstraße hat es mir auch angetan. Als Einkaufsmuffel schaue ich gern und lange in den gläsernen Trichter in der Mitte des Hauses. Dabei erfahre ich, wie beim Blick in eine Glaskugel, so einiges über das Leben der Mitmenschen.

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