Was machen wir heute? : Gegen die Krise essen

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Verena Friederike Hasel

Gerade habe ich einen Monat in London zugebracht, durch das derzeit schwache Pfund eigentlich eine preisgünstige Unternehmung, hätte ich nicht bei der Abreise so viel Geld am Flughafen zahlen müssen: Aufpreis durch Übergepäck infolge von Marmite-Exzess im Koffer.

Mit dem Marmite-Brotaufstrich fing meine Liebesgeschichte mit England vor 15 Jahren an. Damals war ich als Austauschschülerin in Bristol, die ersten drei Monate begrüßte mich jeden Morgen der Regen, dafür aber auch ein Topf voll mit braunem Klebezeug auf dem Frühstückstisch. Marmite, geschmacklich irgendwo zwischen Sojasauce und Brühwürze, ist so britisch wie sonst nichts, die Queen kam 1952 an die Macht, Marmite wurde schon 50 Jahre früher erfunden. Engländer, denen ein leicht kolonialistischer Zug geblieben ist, meinen Deutschen gegenüber stets zwei wesentliche Konzepte erläutern zu müssen – das ihres Humors und das ihres Brotaufstrichs. „I was being sarcastic“ fügen sie erklärend hinzu, wenn sie eine ironische Bemerkung machen, und den Biss in den Marmite-Toast versehen sie ebenfalls mit einem Hinweis. „Some people hate it und some people love it“, sagen sie, und es ist klar: Wer Marmite hasst, ist keine ernstzunehmende Person. Die genaue Rezeptur des vegetarischen Hefe-Aufstrichs ist ganz wie bei Coca Cola ein Geheimnis, im Gegensatz zu dem süßen Getränk weiß man aber, dass Marmite gesund ist. Es wurde zu Soldaten in den Kosovo geschickt und auf Polarexpeditionen mitgegeben, es hat viel Vitamin B und lindert auch Heimweh.

Wieder zu Hause habe er als erstes ein Marmitebrot gegessen, erklärte das britische Entführungsopfer Paul Ridout, den die Polizei 1994 aus der Hand von Kaschmir-Separatisten befreiten. Und gerade heute ist Marmite aktueller denn je: Eigentlich nichts anderes als ein Abfallprodukt des Brauprozesses propagiert Marmite Bescheidenheit und ist damit der perfekte Krisenaufstrich. Verena Friederike Hasel

Marmite gibt es auch in Berlin-Neukölln, und zwar bei "Britain in Berlin", Lahnstraße 85.

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