Was machen wir heute? : Gespenster sehen

von

Viele Menschen haben das Essen verlernt, sie können nur noch schlucken!“ Diese Weisheit von Paul Bocuse könnte, bei aller Bescheidenheit, von mir sein. Eine Bekannte hat mir kürzlich erzählt, in ihrem Kreuzberger Großraumbüro (Webbranche) wage es keiner, sich zur Mittagspause zu verabschieden, aus Angst, das könnte den Job kosten. Die jungen Kollegen blieben wie angewurzelt vor Mäusen und Monitoren sitzen, ließen sich bestenfalls Fastfood schicken, schluckten hastig mit stetem Blick auf den Bildschirm. Gespenstisch wirke das. Im Zehlendorfer Lokal „Kronprinz“ habe ich gesehen, wie ein älterer Mann gar nicht erst zum Essen kommt, weil ihn das Handy alarmiert. „Mein Termin ist früher“, ruft er noch der Bedienung zu, nimmt schnell noch einen letzten Schluck und enteilt. Im Schöneberger „Robbengatter“ bin ich Zeuge, wie am Nachbartisch ein junger Mann und ein junge Frau aus einem nahen Büro kaum ins Gespräch kommen, weil sie ständig auf ihre Handys starren. Als die Gerichte kommen, schluckt die Frau gerade mal zwei Bissen, bis sie nach einem Signal ihres Mobiltelefons aufspringt und Essen und Begleiter sitzen lässt. Er wundert sich nicht weiter, scheint’s gewohnt zu sein. Vielleicht wäre er gern selbst gestört worden, von einem Quälgeist, der gar nicht mehr als Qual empfunden wird. Als der Mann gegessen hat, lässt er sich das fast unberührte Gericht seiner Partnerin einpacken und geht. Als ich kurz danach folge, sehe ich im sonnigen Vorgarten des Lokals etwas ganz Merkwürdiges: Da sitzt vor ihrem Teller eine Frau mit einer übern Tisch gebeugten verhüllten Gestalt, die wie ein Gespenst wirkt, das inhaliert: Hier isst und arbeitet eine Person im Dunkeln, um ihr Notebook besser zu erkennen. Was für ein lustiges, trauriges, erbärmliches Bild! Christian van Lessen

Das „Robbengatter“, Restaurantkneipe und Café an der Grunewaldstraße, ist seit 1974 eine feste Größe im Bayerischen Viertel. Die Gründungscrew trug noch lange Koteletten und Schnauzbärte, hatte etwas Robbenähnliches. So soll der Name entstanden sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar