Was machen wir heute? : Gestrige Menschen betrachten

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Das Leben in der Vergangenheit ist meine Zukunft. Bei dir ist das anders. Du bist ein Mann.“ So spricht die geschiedene Nachbarin zum Nachbarn, dem es auch nicht gut geht. Sein Geliebter ist ums Leben gekommen, und er glaubt nicht an den Lehrsatz „Liebhaber sind wie Busse. Man muss nur ein bisschen warten, dann kommt der nächste“. Auch dieser Satz fällt in dem Film „A Single Man“.

Er spielt im Jahr 1962 und läuft im Kino International. Man sollte ihn unbedingt dort ansehen, denn nur dort ist es möglich, das traurige amerikanische Leben des Jahres 1962 mit dem fröhlichen DDR-deutschen Leben derselben Zeit zu vergleichen. Draußen nämlich, an der Fassade des Kinos, welches 1961 bis 1963 erbaut wurde, befinden sich Betonreliefs mit dem Titel „Aus dem Leben heutiger Menschen“. Da reparieren NVA-Soldaten ein Motorrad, junge Leute erlernen freudig den Umgang mit Säge und Stanze und ein optimistischer LPG-Bauer befindet sich im Gedankenaustausch mit einer optimistischen LPG-Bäuerin, während über ihnen ein Agrarflugzeug Pestizide versprüht.

Der amerikanische Film hat kein Happy End, obgleich sich der Satz mit dem Bus scheinbar bewahrheitet. Was soll man zur Geschichte der „heutigen Menschen“ vom Relief sagen? Hatte die ein Happy End? LPG mit Pestizidflugzeugen, NVA mit kaputten Motorrädern, fröhliche Kinder an Sägen und Stanzen – alles perdu. Wie optimistisch muss Realismus sein? Welche Kunst ist gut fürs Volk? Darüber diskutierten Genossen und Künstler in der DDR der sechziger Jahre viel. Die Genossen setzten sich durch, Optimismus wurde Pflicht. Das Relief vom Kino International war nach ihrem Geschmack.

Sich heute einen so realistisch-pessimistischen Film anzusehen in einem Kino mit so vergeblich-optimistischen Reliefs – man kann das Happy End nennen. David Ensikat

„A Single Man“. Heute noch im Kino International, Karl-Marx-Allee 33 am U-Bahnof Schillingstraße. Die Reliefs befinden sich an den Seitenwänden und an der Rückwand des Kinos.

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