Was machen wir heute? : Gesunden

Robert Ide

Achtung, jetzt piekst’s!, sagt die junge Frau im weißen Kittel und sticht mit der Nadel in meine Haut. Achtung, jetzt drückt’s!, ergänzt sie und presst das Serum durch die Spritze in meinen Körper. Es piekst und drückt noch mehrmals in meinem linken Arm. Als ich mir wieder mein Hemd überziehe (auf den vier Stichstellen kleben jetzt zwei Pflaster), fühle ich mich etwas benebelt. Die Ärztin schaut mich mitleidig an. Wohl nichts gefrühstückt vor der Impfung?, sagt ihr Blick. „Es drückt jetzt noch den ganzen Tag“, sagt ihre Stimme. Unsicheren Schrittes verlasse ich das Tropeninstitut. Die Ausfallstraße kommt mir besonders laut vor. Mein Kopf tut mir weh.

Zu Hause schaue ich mir die Zettel an, die mir die junge Frau im weißen Kittel mitgegeben hat. Darin geht es um die richtigen Medikamente für meine anstehende Urlaubsreise. Ich werde belehrt, dass ich kein Aspirin mit über den Atlantik nehmen soll: Es stört das Serum, das sich durch meine Blutbahnen drückt.

Mich verwirrt das alles. Aspirin habe ich immer für ein Wundermittel gehalten, nachdem ich mal mit meinen Eltern in der Stadt Urlaub machte, die heute Sankt Petersburg heißt. Damals bekam ich beim Mittagsbuffet zwei Eis mit Rum, die die Erwachsenen stehen gelassen hatten. Dann ging es mit einem schaukelnden Bus über holprige Magistralen zu den Schlössern der Zaren. Der Bus schunkelte so heftig, dass mir schlecht wurde. Eine westdeutsche Touristin, die dabei war, gab mir damals eine Aspirin. Schlagartig ging es mir besser. Seitdem war Aspirin für mich ein unerreichbares Wundermittel – wie die D-Mark.

Inzwischen lösen sich andere Wundermittel in meiner Blutbahn auf. Sie sollen mich still beschützen bei meinen Entdeckungen jenseits des Atlantiks. Aber was mache ich eigentlich, wenn mir in den Tropen übel wird? Die junge Frau im weißen Kittel wüsste bestimmt eine Antwort. Schade, dass ich sie nicht gefragt habe. Aber mein Kopf tat so weh.

Robert Ide

Institut für Tropenmedizin; Spandauer Damm 130, Haus 10.

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