Was machen wir heute? : Gewinnen

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Robert Ide

Jetzt die 8. Eine Stimme in mir ruft mir die Zahl zu, die 8!, nur ich höre sie, aber ich bin unsicher, ob ich ihr trauen kann, und die Zeit wird knapp, die Kugel dreht sich schon im Kessel, der Croupier am Roulettetisch zieht Luft durch die Nase, schnell platziert noch ein Asiate einige Fünfziger, ich starre ihn an, höre die Stimme des Croupiers: „nichts …“, und die Stimme in mir, die 8!, meine Hand geht zum kleinen Geldstapel vor mir, „ … geht …“, zwei Euro auf die 8, „… mehr“. Die Kugel klappert im Rund, ja, sie springt in die 8. Und wieder heraus. Es ist dann die 30.

Was mache ich bloß hier?, frage ich mich. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, wieder etwas sparsamer zu leben, und nun stehe ich hier im Anzug mit gerichteter Krawatte und gefetteten Schuhen, inmitten von Frauen mittleren Alters in Abendkleidern und Männern in Jacketts mittleren Alters, die ganz leise vor sich hin spielen, bis es plötzlich aus ihnen herausbricht: „Das kann nicht sein!“

Die große Krise scheint hier weit weg zu sein, aber natürlich kann man sie auch sehen in der Spielbank am Alexanderplatz. Inzwischen darf man an allen Tischen mit kleinem Geld mitmachen, es gibt Schnupperangebote für Studenten. Aber eines ist hier oben über der Stadt immerhin noch ganz gut zu haben: Zeit, die nutzlos verrinnen darf.

So kommt also das nächste Spiel und bringt die nächste Zahl: die 8! Ein Zeichen?

Da ruft meine Stimme: jetzt die 22! Aber diesmal stoppe ich sie, rühre mich nicht, auch wenn der Croupier Luft durch die Nase zieht, ein Spiel später, sage ich mir, „nichts geht mehr“, höre ich, und: „Das kann nicht sein!“. Es ist die 0.

Erst jetzt setze ich, sogar fünf Euro. Und die 22, sie kommt. So verrinnt die Zeit ganz gut.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, wieder etwas sparsamer zu leben. Aber am Ende des Abends habe ich 50 Euro gewonnen. Was soll’s, sage ich zu meinen Freunden, die alle verloren haben, dann gebe ich halt noch einen aus.

- Das Casino im Hotel „Park Inn“ am Alexanderplatz hat täglich ab 15 Uhr geöffnet.

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