Was machen wir heute? : Gib mir Grobes

Anselm Neft

Im Rheinland, aus dem es mich nach Berlin zog, weiß man: Die Berliner sind unfreundlich. Griesgrämige Hackfressen, die Dinge sagen, die der stetig nach Anerkennung heischende Rheinländer für sich behält. Und während zwischen Koblenz und Köln das Leben einem selten pausierenden Hänneschentheater gleicht, in dem selbst Supermarkt-Kassiererinnen nach Kundenliebe, Tusch und Saalgelächter schielen, ist der Berliner grob wie der Darm seiner Currywurst.

Ich bezog mein Quartier inmitten der Stadt, noch dazu im sogenannten Osten, der dem Rheinländer als humorbefreite Zone gilt – und musste feststellen, dass die Menschen hier einer Höflichkeit frönten, die gerade dem Kölner fremd ist: Auf dem Bürgersteig machte man sich Platz, man ließ Menschen aus der Bahn aussteigen, erwiderte einen Blick mit einem unverstellten Lächeln. Bäckersfrauen schmunzelten über die Bestellung von Brötchen, ein Neuköllner Taxifahrer, an dessen Rückspiegel das fluchabwehrende Auge baumelte, riet mir auf der Fahrt zu einem Restaurant, nicht Schnitzel Wiener Art sondern Wiener Schnitzel zu bestellen. Ersteres sei schließlich vom Schwein. Und während in den schummrigen Gassen Bonns ein kurzer, leicht karpfiger Blick auf eine junge Bürgertochter als angehende Vergewaltigung gebrandmarkt wird, zeigen sich die Damen Berlins selbst entspannt neugierig, bis dem Blick das Karpfige vergeht.

Ich musste lange suchen, um den Berliner der rheinischen Sage dann doch in einer Fleischerei zu finden. Noch nie habe ich mich so unwillkommen gefühlt. Geduzt und unbegrüßt stand ich an der Theke. Nach Knackern stand mir der Sinn. Verpackt wurden Bockwürste. Es hieß, ich solle froh sein, überhaupt was zu bekommen. Kein Lächeln lockerte.

Führen Sie rheinischen Besuch also unbedingt zur unten angegebenen Adresse. Verlangen Sie die bebrillte Weißhaarige. Kaum etwas entspannt so sehr, wie ein bestätigtes Vorurteil. Anselm Neft

Fleischerei Klaus Gerlach Greifswalder Ecke Marienburger Straße

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