Was machen wir heute? : Go West

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Der Westen kommt wieder. Hat Ben Becker gesagt. Na, mal sehen.

Erster Versuch: eine Kleingartenanlage direkt an der Messe. Freunde fachen hier zum Grillen ein Lagerfeuer an, und immerhin: Kein Nachbar beschwert sich. Leider auch nicht über die Techno- Studenten-Loveparade, die zwei Gärten weiter stattfindet. Zwischen den herüberwehenden Bässen fange ich Gesprächsfetzen und wiederholtes Seufzen auf; es geht wohl um die FDP. Um Mitternacht sind die Tore der Gartenanlage schon abgeschlossen. Es ist nicht ganz so leicht, sie mit den mitgebrachten Fahrrädern zu überwinden.

Zweiter Versuch: die Deutsche Oper. Vor der Vorstellung lächelt manche Witwe wissend unter ihrem Hut hervor, die Männer im Anzug umschmeicheln lieber das junge Barpersonal. Der Garderobenteil „hier nur Pelze“ bleibt diesmal leer; ist ja Sommer. Eine Schulklasse ist auch gekommen, alle haben sich chic gemacht, außer einer Punkerin mit zerrissenen Leggins. Kurz bevor das Staatsballett die Beine anwinkelt, setzt sich noch Herbert Grönemeyer ins Publikum. Er winkt kurz in den vertäfelten Saal, die Punkerin winkt zurück. Nach der Vorstellung gibt’s leider nichts mehr zu trinken.

Dritter Versuch: die Wühlmäuse. Das Kabarett macht Pause (warum soll man noch auf der FDP rumtrampeln?). Stattdessen ist der Heimatliedermacher Bernd Begemann gekommen, seine musikalische Begleitung besteht nur aus einem iPod. Ekstatisch tanzt er drei Stunden durch sein Programm, das vor allem von versuchter Liebe erzählt („Ich kann dich nicht kriegen, Katrin“) und von Lebenswelten, die nicht im alten Westen liegen („Ich bin Teil der lebendigen Stadtteilkultur“). In der Pause bieten die Wühlmäuse Erdbeerbowle auf der Straße an. Später verkauft der Sänger, wegen der Hitze inzwischen barfuß, noch seine CDs selbst – und erst da spürt man, was man im neuen Osten schon lange nicht mehr erlebt hat: Zurückhaltung. Robert Ide

Bernd Begemann: Ich erkläre diese Krise für beendet.

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