Was machen wir heute? : Gruseln im Grunewald

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Plümper

Am Bahnhof Grunewald marschiert der Rentner durch den tauenden Schnee los. Eine halbe Stunde, dann erreicht er den Selbstmörderfriedhof. Noch weiß verhüllt und schön bemalt vom Sonnenschein liegt der Friedhof da. Auf den Büschen biegen hohe Schneebatzen, dick und nass, die Zweige tief auf die Gräber. In Reihen Holzkreuze. Auf den Berliner Friedhöfen immer ein Zeichen für Kriegsopfer, oft anonyme. Aber hier gibt es einige Grabsteine, auf denen Namen stehen. Immer wieder das Datum 4.5.45. Der Rentner sieht sich die Daten genauer an. Ein Mann war am 4.5.45, an dem Tag, als er im Krieg umkam, 65 Jahre alt, ein anderer 71, Angehörige des „Volkssturms“. Vier Tage vor dem endgültigen Ende wurde noch gekämpft. Hitler hatte schon Eva Braun geheiratet und wenig später sich, seine Ehefrau und seinen Schäferhund umgebracht. „Hier ruht unser unvergessener Sohn Rudi Stiewe 2.9.1929–19.4. 1945“. Der Rentner sieht vor sich eines der bedrückendsten Bilder der Geschichte: Der aufgedunsene, klapprige „Führer“, der einem verschreckten 15- oder 16-Jährigen auf die Schulter klopft, als sei es eine Ehre, für ihn zu sterben.

Auf dem Grabstein einer „Nico“, Christa Päffgen, 1988 verstorben, steht eine Viertelflasche Mosel, eine leere Bierflasche und eine volle Miniflasche Schnaps. Daneben in einer Klarsichthülle ein Foto einer hübschen Frau mit langen, blonden Haaren, umrankt von einer naiv gemalten roten Blumengirlande. Auf der Rückseite hat jemand im August 2009 geschrieben, dass er aus Pilsen zum Grabe gekommen sei, und wie sehr er die Person und die Musik Nicos liebe. „We think back of you in love“. Es folgt ein Gedicht. Wie rührend! Nun wirst du völlig sentimental – das Alter, denkt der Rentner. Also, schnell weiterwandern. Zu Hause informiert sich der Rentner im Internet. „Nico“ war Mannequin beim Berliner Modeschöpfer Oestergaard, spielte in Fellinis „La Dolce Vita“ mit und sang später bei Velvet Underground.

Der Friedhof liegt im Jagen 135 des Grunewalds am Schildhornweg. Vom S-Bahnhof Grunewald oder über die Havelchaussee mit der Buslinie 218.

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