Kultur : Was machen wir heute?: Gute Laune kriegen

Norbert Thomma

Die Feldmaus ist arm dran. Nach dem Grundkatalog des Bundesjagdgesetzes (§ 2 BJG) ist sie ein "Schädling". Das bedeutet, jeder darf ihr an die Gurgel oder auf ihr herumtrampeln, ohne dass er bestraft würde. Neben den Mäusen kennen wir Waidmänner noch das Hochwild und das Niederwild. Und um gleich mit einem weitverbreiteten Irrtum aufzuräumen: Diese Unterscheidung hat nichts mit der Größe zu tun. Der Adler etwa zählt zum Hochwild und das Reh zum Niederwild. Lustige Vertreter des Niederwilds sind beispielsweise Alpenschneehuhn, Waldschnepfe oder Waschbär.

Hochwild also. Es heißt so, weil es lange nur vom hohen Adel erlegt werden durfte, während das Niederwild den weniger illustren Geschlechtern vor die Flinte kam. Das Volk aber sollte sich mit den Feldmäusen begnügen. Bei Zuwiderhandlung wurde es brutalstmöglich bestraft, wir kennen das aus vielen Robin Hood-Filmen. Die Folge dieser Ungerechtigkeit war der Klassenkampf. Heute gibt es keinen Klassenkampf mehr, weil sich jeder sein Wild tiefgefroren im Supermarkt kaufen kann.

Wie das Wild unterscheiden wir auch die Kultur, in Hochkultur und Niederkultur. Die Hochkultur heißt so, weil sie von Leuten mit hohen Ansprüchen besucht wird. Richard Wagner wäre so etwas, auch Schwanensee oder Ulysses-Lesungen. Damit bereichert man sein Leben und wird ein besserer Mensch. Die niedrige Kultur richtet sich an die niedrigen Instinkte, an die Vergnügungssucht beispielsweise. Dabei gibt es meisten etwas zu lachen. Lustige Vertreter der Niederkultur sind Gaukler, Trapezturner, Messerwerfer und Seiltänzer.

Dieses Völkchen trifft sich gern im Wintergarten Varieté. Seit kurzem ist das Programm "Väterchen Frost" zu sehen. Fachleute für extreme Kälte sind die Russen, und da trifft es sich gut, dass diese außerdem grandiose Artisten haben, den Wodka und den Kasatschok. Damit kommt man angenehm durch einen Abend.

Da wäre das Ehepaar Sudarchikovy. Es widerlegt zauberhaft das Vorurteil, Frauen bräuchten immer ein wenig länger, ehe sie mit der Garderobe fertig sind. Ein Wimpernschlag, und das weiße Abendkleid von Frau S. ist zu einem roten Dirndl geworden, zu einem grünen ..., zu einem gelben ..., zu einem schwarzen Kostüm.

Da wäre Karima Zaripova. Die Dame kann sich einrollen wie eine Lakritzschnecke. Da wäre Andrej Ivachnenko, der im stacheligen Anzug irrwitzig auf dem Seil herumkaspert. Und da wäre das Trio Talisman, das mit Geige, Gitarre und Akkordeon die Transsibirische Eisenbahn akustisch durchs Theater schnaufen lässt. Da sind auch noch Oleksandr Krasnopolskyy und Vyacheslav Perevyazko mit dem Beweis, dass man mit Leitern mehr machen kann, als Spinnweben von der Wohnzimmerdecke zu kehren.

Na ja, es sind da schon noch andere Künstler, aber es sollte auch so klar geworden sein: So viel Niederkultur macht gute Laune.

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