Was machen wir heute? : Gutes tun

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann.

Susanne Kippenberger

Das nennt man die Quadratur des Kreises. Geld ausgeben sollen wir, um die Wirtschaft anzukurbeln, sparen müssen wir, weil wir nicht wissen, was nächstes Jahr kommt. Nichts Gutes, warnen die Experten. Gutes wiederum sollen wir tun, weil doch gerade Weihnachten ist. Also los: Gehen wir zu Wulle. So wurde Woolworth in meinen Kindertagen durchaus liebevoll genannt, vielleicht weil wir das „th“ nicht über die Lippen beziehungsweise zwischen die Zähne kriegten.

Ich hasse Kaufhäuser, genauso wie Mega supermärkte und Messen jeder Art. Die Masse überwältigt mich, am Ende will ich gar nichts mehr, nur fliehen. Es nervt mich, erst treppauf, treppab und um drei Ecken zu irren, bis ich endlich die Socke gefunden habe, die ich suche. Deswegen liebe ich Woolworth so. Das liegt auf dem Weg zur Arbeit, das geht ruckizucki, rein, raus, fertig, da kriege ich auf einem Stock alles, was ich brauche. Nun gut, nicht alles, aber von allem etwas. Gummibärchen, Weihnachtstüten, Kochtöpfe, Lakritzschnecken, Zahnpasta, Nägel, Waffeleisen, Mottenkugeln, Batterien, Nähgarn (von Gütermann, ich dachte, das gäb’s seit meiner Kindheit nicht mehr), Luftballons, Lindt-Schokolade.

Woolworth gehört unter Denkmalschutz gestellt. Solche unkomplizierten Kaufhäuser findet man kaum noch – und dann noch so ein historisches: 1879 von Mr. Woolworth erfunden (die erste deutsche Filiale wurde 1927 eröffnet), ist der „five-and-dime-store“ das Vorbild aller Discounter – die ihm jetzt das Leben schwer machen. Wulle ist nämlich vom Aussterben bedroht. In den USA, wo die Kette gegründet wurde, gibt es sie längst nicht mehr, in Großbritannien droht jetzt das endgültige Aus – ein Jahr vor dem 100. Geburtstag des britischen Ablegers. (Was ich schon deswegen bedaure, weil ich jetzt nicht mehr weiß, wo ich meine Lieblingsbonbons, schwarze Johannisbeere mit Lakritz, herkriegen soll.) In Berlin hat Wulle noch 23 Filialen: Also Leute, geht billig einkaufen! Susanne Kippenberger

Meine Filiale liegt an der Potsdamer Straße, Ecke Kurfürstenstraße.

0 Kommentare

Neuester Kommentar