Was machen wir heute? : Häusern ins Herz schauen

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann - Berlin mit einem Bildband erleben.

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Berlin bei Tag, Berlin bei Nacht, das neue, das alte Berlin; es gibt viele interessante Bildbände über die Stadt. Neulich bekam die Rentnerin wieder einen geschenkt. Aber Berlin sieht darin ganz anders aus, als man es täglich erlebt. Leo Seidel öffnet uns die Augen mit seinem Sinn für eigenwillige Lichteffekte und architektonische Details. Nicht, dass alle 70 Bilder des jungen Fotodesigners Nachtaufnahmen wären. Viele sind an grauen Sommertagen oder zur Dämmerstunde entstanden. Unter jedem sind Datum und Uhrzeit vermerkt, nur das Jahr fehlt.

Kann denn diese Stadt wie im Farbenrausch zu einem Kunstwerk verzaubert werden? Sie kann, nichts wirkt gekünstelt. Seidel nimmt sich Zeit, das richtige Licht einzufangen, in dem sich das Charakteristische eines Gebäudes herausschält. Plötzlich sieht man den Glastürmen am Potsdamer Platz an, dass sie etwas Besonderes sind. Das illuminierte Kanzleramt strahlt Macht aus. Das Brandenburger Tor wirkt im hellen Lampenschein licht wie eine Weihestätte. Golden glänzt die Siegessäule unter schwarzen Wolken. Unter bleiernem Himmel sprudelt der Neptunbrunnen in gleißend weißem Licht. Funkelnd erhebt sich das Kraftwerk Wilmersdorf, das man doch im Dunkeln gewöhnlich nur schattenhaft erkennt.

Nicht die unruhige, flirrende Stadt wird hier gezeigt, kein einziger Mensch. Nichts lenkt vom Wesentlichen ab: dem Licht und der Architektur. Man kann den Häusern ins Herz schauen, Büromobiliar ist hinter Glasfassaden erkennbar, gestochen scharf der Stuck und auch der Rost an alten Gebäuden. Vom Flughafen Tegel bis zur Märchenwiese im Nebel vor leblosen Marzahner Hochhäusern wird eine beinahe unwirklich schöne Welt sichtbar, selbst die olle Rotunde am Schlesischen Tor hat da etwas Poetisches. Seidel, 1977 in Ost-Berlin geboren, lernte sein Handwerk im Lettehaus. Unsereiner lässt sich ja nicht mehr so leicht beeindrucken, aber von solchen Schätzen schon.

Leo Seidel: „Berlin – Die Farben der Nacht“, Prestel-Verlag, 96 Seiten, 29,95 Euro

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