Was machen wir heute? : Hafenfest

Robert Ide

Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee, / Micha, mein Micha, und alles tat so weh, / dass die Kaninchen scheu schauten aus dem Bau, / so laut entlud sich mein Leid ins Himmelblau.

Als die Band namens „Die zusammengesackten Mülltüten“ das Lied zum zweiten Mal an diesem Abend intoniert, ist die Sonne schon längst im Meer versunken. Am Hafen von Neuendorf aber, einem kleinen Fischerdorf auf Deutschlands kleiner Ostseeinsel, bearbeiten die deutschen Imitatrocker noch immer die Gitarren. Ein paar Fischer sind gekommen, ein paar Segler aus Stralsund, ein paar Urlauber aus Berlin und Hamburg, natürlich die Dorfjugend – und die alten Leute, die in ihrem Inselleben auch ohne Autos und Gartenzäune auskommen. Sie tanzen am Hafen zu dem wohl einzigen Hit, in dem ihre Insel vorkommt. Sie feiern mit Nebelmaschine und Küstennebel.

Auf kleinen Volksbelustigungen zeigt sich die Seele der Menschen. Manche Mädchen und Jungen tanzen Arm in Arm, auf dass sie schneller erwachsen werden. Und Opa (natürlich mit Seemannsmütze und Pfeife) stürzt sich noch einmal zappelnd ins wilde Leben. Sie sitzen zusammen auf langen Bänken, erzählen sich ihre Geschichten, von den Inselfesten ihrer Kindheit, von Honeckers und Merkels Zeiten, von den Hoffnungen der weggezogenen Kinder. Und „Die zusammengesackten Mülltüten“ kündigen nach zweieinhalb Stunden noch ein paar Zugaben an – „weil’s grad so schön zusammen ist“. Und zum dritten Mal: Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee, / Micha, mein Micha, und alles tat so weh, / dass die Kaninchen scheu schauten aus dem Bau, / so laut entlud sich mein Leid ins Himmelblau.

Am ersten Augustwochenende wird in Neuendorf wieder ein Hafenfest gefeiert. Ich kann leider nicht hinfahren, ich bin zu einer goldenen Hochzeit im Erzgebirge eingeladen. Da passiert das Gleiche wie an der Ostsee, nur mit einer anderen Band. Robert Ide

www.muelltueten.de

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