Was machen wir heute? : Helden schneiden

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann - Fahrradfahren.

Ariane Bemmer

BerlinSeit einiger Zeit fahre ich regelmäßig an den südlichen Stadtrand, genauer: nach Lichtenrade, was hinter Tempelhof und Mariendorf ist. Der Weg dorthin führt – Berlin ist da übersichtlich – über: Tempelhofer Damm, Mariendorfer Damm, Lichtenrader Damm. Vor allem die ersten beiden Dämme sind viel befahrene Straßen, die drei Spuren haben, von denen eine vollgeparkt ist und die zweite gern von spontanen Kurzparkern genutzt wird, so dass die übrigen Auto- und Lkw-Fahrer ununterbrochen Haken schlagen, so dass der Verkehr dann auch auf der dritten Spur zum Erliegen kommt, so dass ich überlegte, den Weg mit dem Fahrrad zurückzulegen.

Aber dies, das stellte sich schnell heraus, ist ein Vorhaben für Menschen ohne Nerven.

Los geht es am Tempelhofer Damm, der sich im Polster eines Pkw vielleicht einigermaßen plan anfüllt, auf prall gefüllten Fahrradpneus dagegen hüpft man nur so über die Unebenheiten im Asphalt. Wer hier nicht aufgibt, ist, sobald er hinter der düsteren Autobahnbrücke wieder Tageslicht sieht, Luft. Ich sehe die anderen zwar noch, aber sie sehen mich nicht mehr. Rasen abstandslos an mir vorbei, drängeln mich in Lücken zwischen parkenden Autos, sie schneiden meinen Weg, wenn sie abbiegen wollen, reißen Türen auf, wenn sie angehalten haben. Ganz so, als wäre da, als käme da nicht ich. Um nicht totgefahren zu werden auf dem Weg, hämmerte ich die ganze Zeit auf meiner Klingel herum. Seitdem fahre ich wieder Auto. Aber jetzt achte ich auf sie. Es gibt sie nämlich, die Radfahrer auf den Dämmen von Tempelhof und Mariendorf. Sie tragen Helme und haben Körbchen am Gepäckträger. Das sieht vielleicht nicht sehr heldenhaft aus, aber man kann sie nicht genug bewundern, wie sie mit Todesverachtung in der schmalen Furt zwischen fahrenden und stehenden Autos ihren Kurs verfolgen. „Bravo“, rief ich neulich, erfüllt von einer Welle der Sympathie, einem von ihnen zu – und übersah dabei einen anderen.

Radfahrer dürfen auf Straßen fahren, empfohlener Abstand beim Überholen ist 1 Meter 50

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