Was machen wir heute? : Hermann versteigern

Britta Wauer

Hermann liegt immer noch im Tiefkühlfach der Schwester meiner besten Freundin. Sie hat es am Wochenende gestanden. Wir kamen nicht gleich auf seinen Namen. Heiner? Harald? Jahre hatten wir nicht an ihn gedacht.

Wir sprachen über all die Unglücke, die einer Familie wiederfahren können, nachdem die Tochter einen Kettenbrief nicht weitergeschickt hatte.

Hermann war, einem Kettenbrief gleich, ungewollt ins Haus gekommen und als Wundermittel angepriesen worden. Eine Art Ur-Kuchenteig aus Pilzen und Bakterien, ein Lebewesen, das immer größer wird, wenn man ihm Wasser, Zucker und Mehl zuführt. Nach zehn Tagen wird geteilt: Nachbarn und Freunde bekommen die Hälfte, aus der anderen backt man Kuchen. Und der Rest wächst weiter und wird immer mehr.

Hermann ist eine fiese Erfindung. Einen Kettenbrief per E-Mail kann man löschen. Hermann aber lebt. Er liegt eingefroren im Tiefkühlfach und wartet auf schlechte Zeiten, in denen er wieder am Leben teilhaben kann.

Wie alles, was man loswerden möchte, lässt sich auch Hermann im Internet versteigen. Bei Ebay sind trübe Wassergläser abgebildet, in denen eine graue Masse schwimmt. Für ein bis zwei Euro kaufen Leute so etwas.

Nach der Hermann-Diskussion entdeckte ich eine zauberhafte Konditorei, die spezialisiert ist auf etwas, an das man auch nicht alle Tage denkt: Baumkuchen. Der Laden wird seit 150 Jahren in Familienbesitz geführt, hat einst den Kaiser beliefert und sieht aus, wie eine Mischung aus Dallmayr-Prodomo-Werbung und DDR-Bäckerei. Die Menschenschlange vor dem grauen Haus reicht bis auf die Straße. Ich habe mich angestellt und gelernt, dass ein ordentlicher Baumkuchen aus 18 Schichten besteht, die einzeln mit der Hand aufgetragen werden. Ganz vergessen hatte ich, wie gut Baumkuchen schmeckt. Leider verbreitet er sich nicht von selbst. Britta Wauer

Café Buchwald, Bartningallee 29 in Moabit. Mo–Sa 9–18 Uhr, So 10–18 Uhr.

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