Was machen wir heute? : Hinter Fensterläden schauen

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann- im Böhmischen Dorf in Neukölln.

Verena Friederike HaselD

Das sind mir böhmische Dörfer, sagt man, wenn man etwas nicht versteht, im Böhmischen Dorf Berlins, da versteht man die Welt nicht mehr. Wir sind mitten in Neukölln, auf der Karl-Marx-Straße. Fensterläden gehören hier nicht zur Standardausstattung, eher Leuchtreklamen, Läden für künstliche Fingernägel und Tattoos, doch nur einige Schritte in die kleine Nebenstraße hinein, vorbei an dem Café, das mit Frühstück für nur 1,90 Euro wirbt, da findet man sie: Fensterläden, grün und schmuck, an kleinen Häuschen mit Holztüren, dazu auch alle anderen Dorfinsignien - rumpelndes Kopfsteinpflaster, Ställe und eine Straße, die Kirchgasse heißt. „Ich schmöcke schnell noch eine, dann komme ich“, sagt Frau Motel, sie steht vor der Kirchgasse 5, früher war das ein Schulhaus, heute ist hier ein Museum. Eine Bezeichnung, die nach Zimmerfluchten klingt, tatsächlich besteht das Museum nur aus zwei Räumen, durch sie führt Frau Motel voller Stolz und erzählt, wie sich das Dorfidyll nach Neukölln verirrte. 1737 siedelte Friedrich Wilhelm I. protestantische Flüchtlinge aus Böhmen hier an, zunächst auf neun Gehöften, und spendete ihnen Ochs und Huhn. In ihrer Heimat waren sie aufgrund ihrer Religion verfolgt worden, in Böhmisch-Rixdorf durften sie ihren Glauben ausüben, ihre Lebensweise behalten. Frau Motel ist eine direkte Nachkommin dieser Flüchtlinge, wie groß ihrer aller Traditionsbewusstsein ist, zeigt die Tafel im Museum mit den Stationen Rixdorfs. Für 1979 ist dort verzeichnet: „Bedrohung des Dorfcharakters durch Neubauten.“ Die Rixdorfer haben sich erfolgreich gewehrt, auch sonst haben sie den Dorfcharakter bewahrt: Am Ostertag geht der Bläserchor immer noch um sechs Uhr morgens auf den Böhmischen Gottesacker, alle tragen sie Zylinder und ehren die Toten, die hier seit 1751 beerdigt werden. Verena Friederike Hasel



Das „Museum im Böhmischen Dorf“, Kirchgasse 5 in Berlin-Neukölln, hat donnerstags von 14 bis 17 Uhr und jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 12 bis 14 Uhr geöffnet.

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