Was machen wir heute? : Hinterherrufen

Jochen Schmidt

Früher fielen einem in Prenzlauer Berg Dinge auf, die plötzlich verschwunden waren, heute freut man sich, wenn noch etwas geblieben ist. Die letzten Kriegslücken werden zugebaut, der Charme der Stadt geht verloren, schon weil die neuen Gebäude in der Regel zum Fürchten aussehen. Eine Weile stehen Gruben offen, mit Resten alter Kellergemäuer, die keinen weniger erhabenen Anblick als in Rom bieten, und wo an den Brandmauern Texturen zutage treten, die für immer verschwinden, um in unseren Köpfen weiterzuexistieren – als Sehnsucht nach einer verlorenen Stadt. Man kann nur noch hinterherrufen.

Seit wann ist das Schild der Orgelbauerfamilie Bacigalupo über dem Eingang der Schönhauser Allee 74 verschwunden? Der Putz sieht frisch aus. Das ursprüngliche Schild befindet sich seit 2000 im Prenzlauer-Berg-Museum, es war durch eine Kopie ersetzt worden. In den Achtzigern las man in Daniela Dahns „Prenzlauer-Berg-Tour“, was es mit dem Schild auf sich hatte. Eine beneidenswerte Zeit, als man die Geschichte des Bezirks noch nicht im Museum suchen musste.

Im 19. Jahrhundert hatte es hier eine italienische Kolonie gegeben. Der erste Bacigalupo war nach 1871 zu Fuß über die Alpen gewandert. Drehorgelbau galt als Bettelgewerbe. Ein italienischer Wirt vermietete Drehorgeln an Italiener, die mit Opernarien von Hof zu Hof zogen. Die Leute warfen eingewickelte Geldstücke aus den Fenstern. Bei Spielverbot lebte man vom Mosaiklegen. (Die Fassade meines Hinterhauses ist 1999 von einer italienischen Brigade verputzt worden.)

Weill und Brecht kamen in die Firma, um neue Songs auf der Orgel zu hören. Die letzte ging 1930 nach New York. Giovanni Bacigalupo, der letzte Sproß der Drehorgelbauerdynastie, führte noch bis 1978 Reparaturen durch, 1982 feierte die Firma ihr 100-jähriges Jubiläum. Jetzt ist das Schild verschwunden. Jochen Schmidt

Daniela Dahn „Prenzlauer-Berg-Tour“, Rowohlt-Berlin, 14,90 Euro. www.drehorgel- info.de/Bacigalupo

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