Was machen wir heute? : Historischen Falten nachsinnen

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

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Schrecklich, wenn die Strümpfe nicht sitzen, also Wasser ziehen. Bei den ersten Nylons kam das öfter vor – lange her. Die Rentnerin muss jedes Mal daran denken, wenn sie im Abgeordnetenhaus auf der Tribüne sitzt und ihr Blick auf die Fahnen an der Stirnseite des Plenarsaals fällt. Puh, die ziehen auch Wasser, reichlich.

In der Mitte, über dem Haupt des Präsidenten, hängt die Berliner Bärenfahne, links daneben die Bundes-, rechts die Europafahne. Das heißt, sie hängen nicht, die Fahnentücher sind auf Platten gespannt. Das ist ganz dekorativ, nur sind alle drei total verzogen, überall haben sich Querfältchen gebildet, Nähte und Streifen sitzen schief.

Wenigstens haben die Farben der schwarz-rot-goldenen Bundesfahne und der blauen Europafahne mit dem güldenen Sternenkranz ihre Leuchtkraft nicht verloren. Doch unser schwarzer Bär auf weißem Grund wirkt altersschwach, blass und grau verknittert, beinahe museumsreif. Kein Wunder: Er ist das Original-Wappentier von 1946.

Damals, nach dem Weltenbrand, wurden dem Bären symbolträchtig die Krallen und Zähne gezogen. Da steht er nun, der gezähmte Bär, der seither keinem mehr etwas tun kann, aufrecht, aber mit leicht eingeknickten Läufen und erhobener Pranke, als wollte er Streithammel zur Mäßigung ermahnen. Seit 1949 zierte die Bärenfahne den Plenarsaal im Rathaus Schöneberg, bei der Spaltung der Stadtverwaltung war sie aus dem Neuen Stadthaus in den Westen mitgenommen worden.

Als das Parlament 1993 in den Preußischen Landtag umzog, ließ die damalige Präsidentin Hanna-Renate Laurien die Fahne erst einmal reinigen. Hinterher wirkten die Farben etwas verwaschen, das Tuch zerknittert. Auf den Ausruf: „Die zieht ja Wasser!“, meinte die Präsidentin lakonisch: „Ach, das hängt sich aus.“ Richtig ausgehängt hat es sich nie, doch das gute Stück ist eben historisch, niemand will es missen. Unsereiner fragt sich, warum die drei Fahnen nicht ab und zu abgenommen werden, um sie in Fasson zu bringen, aber das wäre wohl viel zu pingelig. Brigitte Grunert

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