Kultur : Was machen wir heute?: Hits hören

Daniel Haaksman

Letzte Woche habe ich Ihnen angekündigt, selbst mal einem Partytipp zu folgen und DJ Ata in die Panoramabar in Friedrichshain zu besuchen. Leider kann ich Ihnen nicht wie versprochen berichten, wie es war, auch Partygänger werden mal krank und müssen eine Auszeit nehmen. Vor allem wenn sie vorher zu viel feiern und zu wenig schlafen. Irgendwann macht dann das Immunsystem nicht mehr mit und straft mit Schnupfen, Husten und einem dicken Kopf.

Berufsrisiko, ich konnte in den Tagen davor einfach nicht anders. Erst war die Eröffnung des Art Forums Berlin, der Berliner Kunstmesse, dann jagte eine Galerie-Party die andere: Dienstag im Pogo, Mittwoch im Cookies, Donnerstag im WMF.

Dieses Jahr hat es besonders großen Spaß gemacht, denn das, was auf den Galerie-Partys an Musik zu hören war, unterschied sich deutlich von dem üblichen Minimal-Techno-Soundtrack, der sonst auf Kunstveranstaltungen zu hören ist. Statt Köln-Kompakt lief "Billy Jean" von Michael Jackson, "Blue Monday" von New Order oder "Let The Music Play" von Shannon, gemixt mit Electro und HipHop-Songs von heute. Bei all den Hits kam man sich zwar streckenweise vor wie in alten Schulzeiten auf der Klassenfete, aber ich habe schon lange nicht mehr ein so hysterisches Publikum auf den Tanzflächen gesehen und mich derart ausgelassen amüsiert.

Das mit dem Gute-Laune-Party-Sound ist übrigens kein neuartiges Kunst-Party-Phänomen, man konnte in den einschlägigen Mitte-Clubs schon seit einiger Zeit beobachten, dass selbst arrivierte Berliner DJs keine Probleme mehr damit haben, reihenweise Hit-Feuerwerke abzufackeln. Das ist nicht ganz unbedeutend, denn unter ernsthaften DJs galt das Spielen von Hits bis vor kurzem noch als ziemlich unfein. Hits spielen kann nämlich auch mittelfristiger Legitimationsentzug bedeuten: Wofür soll man einen teuer bezahlten Plattenleger engagieren, wenn er sowieso nur die Sachen spielt, die jeder kennt, bzw. eigentlich auch gleich selbst auflegen kann? Aber vielleicht sollte ich das doch nicht so ernst sehen: Die Partys in Mitte machen dank des Hit-Phänomens im Moment schließlich Spaß wie schon lange nicht mehr, und ich sage Ihnen: Mir ist eine hitbefeuerte Party zehnmal lieber, als ein langweiliger Konzept-Elektronik-Abend.

Wenn Ihnen die Hits allerdings schon jetzt zu den Ohren heraushängen und Sie keine Lust darauf haben, zu der Musik ihrer Jugend zu tanzen, sollten Sie auf Partys gehen, wo ganz nach dem alten DJ-Ethos aufgelegt wird: Man kennt keine der Platten, die der DJ spielt, aber amüsiert sich trotzdem wunderbar. Morgen Abend in Pfefferbank zum Beispiel, da spielt nämlich wieder der eingangs erwähnte DJ Ata aus Frankfurt eines seiner furiosen House-Sets. Glück für mich - wenn ich mich heute Abend wieder fit fühle, kann ich ihn morgen endlich bewundern.

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