Was machen wir heute? : Hoffen

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Anselm Neft

Ich betrete mein Zimmer und bin kurz froh, den kalten, hässlichen Straßen entkommen zu sein. Dann aber merke ich: Mein Zimmer ist auch hässlich. In ihm hängen erstickende Heizungsluft, hunderte Stunden ohne Konzentration und ohne Entspannung, die große Grübelei, die immer wiederkehrt, und blöde Bilder, die ich aufgehängt habe, weil Freunde, sie mir geschenkt haben, und ich dachte, dass ich sie deshalb aufhängen muss – die Bilder. Kurz kann ich über das große, gelbe FDP-Plakat lachen, dass ich von einem Pfosten gerissen habe: „Arbeit muss sich wieder lohnen.“

Aber welche Arbeit lohnt sich? Das selbstbespiegelnde Schreiben, das nichts ändert? Der Dienst am Nächsten, der doch meist nur ein Versuch der Selbsthassenden ist, sich doch noch ein wenig zu mögen? Soll ich in den Suppenküchen der Stadt Brot und gute Worte an Obdachlose verteilen, die drei Nächte später im Vollrausch erfrieren? Oder grundsätzlicher: Wozu soll ich aufstehen, wenn ich mich doch zwei Stunden später wieder hinlege? Wozu dieses Zimmer putzen, wenn es demnächst wieder staubig, schmutzig und schief sein wird?

Ich ahne, dass ich mein Zimmer mögen würde, wenn es anders wäre, und ich ahne, dass mein Zimmer anders wäre, wenn ich es mögen würde. Aber vielleicht ist es gar kein echtes Zimmer sondern eine Illusion, gebaut von einem tückischen Architekten, der mich von der Erkenntnis meines wahren Zimmers ablenken will. Oh je. So geht das nicht weiter.

Es geht das Gerücht, dass zwei Männer, einer sogar mit Bart, durch Winternacht und Eiswind unterwegs sind, um inmitten eines im Frost erstarrten Nordneuköllns die Herzen mit Liedern und Geschichten zu wärmen. An einem lauschigen Ort, der sich nach Berliner Art „Bar – Galerie – Projektraum“ nennt, wollen sie Leuchtfeuer der Hoffnung und offene Kamine der Liebe entzünden. Hoffentlich ist der Laden versichert.

„Ich fang noch mal an“ – Geschichten und Lieder. Heute, 21 Uhr im ORI, Friedelstraße 8, Neukölln. Der Eintritt ist frei, naturgemäß.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben