Was machen wir heute? : Holz anfassen

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann - in dem er sich einem "Holzmedium" widmet, wie Sascha Lobo Zeitungen und Zeitschriften nennt.

Till Hein

Dieser Text erscheint in einem „Holzmedium“. So nennt Sascha Lobo Zeitungen und Zeitschriften. Er selbst ist vorwiegend im Non-wood-Bereich tätig, als Oberblogger und -twitterer der Nation. Wenn man Lobo glaubt, dann verhalten sich die klassischen Holzmedien zu den modernen Angeboten im Internet wie der Neandertaler zum Homo sapiens.

Ich bin ein Freund der Neandertaler, habe noch nie gebloggt oder getwittert. Dabei mag ich subjektiv gefärbte Texte, wie sie im Netz verbreitet sind. Auf der Journalistenschule gab es die Fraktion: „Fakten, Fakten, Fakten – und immer an den Feierabend denken“ und uns andere, die auch eigene Erlebnisse und Assoziationen in ihren Texten unterbringen wollten. Inspiriert vom „New Journalism“, von Truman Capote etwa und Hunter S. Thompson. Wir nahmen uns sehr ernst. Die Kollegen in den Redaktionen weniger.

In letzter Zeit beschimpfen manche Holzschreiber und Nichtholzschreiber einander öffentlich. Eigentlich überflüssig. Blogs und Twitter, aber auch Zeitungen und Magazine sind grundsätzlich weder gut noch böse. Allerdings passen in eine Twitter-Meldung gerade mal 140 Zeichen. Die „Seite 3“ wäre zu lang. Überhaupt: Was kann man schon auf 140 Zeichen ausdrücken? Eine ganze Menge. „Basler sind schlauer als Zürcher!“ – nur 33 Zeichen! – würde ich gerne mal gewittert kriegen.

Lobo hat neulich Folgendes getwittert: „Gestern beim Steuerberater. Werde den Rest des Jahres arbeiten müssen, um die Forderungen des Finanzamts zu erfüllen.“ Sauber. Doch wie ist er bloß in diese Lage gekommen? Wie erreicht man eine so hohe Gehaltsklasse? Darüber stand leider nichts in der Kurzmeldung.

Wir lernen: Wer nicht nur an der Oberfläche der Dinge interessiert ist; wer verstehen will, was dahintersteckt, wird auch künftig auf die Analysen und Hintergrundberichte der klassischen Holzmedien nicht verzichten können. „Holz aalänge!“ („Holz anfassen“), sagen wir in meiner alten Basler Heimat, „Kopf hoch, wird schon schiefgehen!“ Till Hein

Holzmedien gibt es in Berlin an jeder Ecke

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