Kultur : Was machen wir heute?: Hunde vermeiden

Dorothee Nolte

Hin und wieder denke ich über die Parallelen zwischen Kindern und Hunden nach. Oder genauer: über die zwischen Eltern und Hundehaltern. Beide Gruppen sind sich, wie man weiß, spinnefeind, denn die Lieblinge der einen verrichten ihr Geschäft ausgerechnet dort, wo die der anderen spielen wollen. Ich habe schon hasserfüllte Ausfälle von Freundinnen gegen Hundehalter gehört, die ihre Tiere unangeleint durch die Parks tollen ließen: "Stellen Sie sich mal vor, Ihnen springt eine Kuh über den Kopf, Sie Blödmann, Sie!" Und Schlimmeres.

Also: spinnefeind. Über der Spinnefeindschaft gerät leider völlig aus dem Blick, dass die Lebensweise von Eltern und Hundehaltern verdammt ähnlich ist. Beide gehen viel spazieren, können nicht einfach so in Urlaub fahren und sorgen sich regelmäßig um Ernährung und Stoffwechselprodukte ihrer Liebsten. Beide müssen ihre Wohnungen kinder- beziehungsweise hundesicher machen und sagen am häufigsten die drei Formeln "komm her", "lass das" und, in verzückten Momenten, "ach, wie süß!". So wie die Eltern von Kleinkindern sich gegenseitig auf der Straße zulächeln, so begrüßen sich auch die Hundehalter mit einem, das nehme ich zumindest an, freudigen Winseln. Die Straßen sind voller Bekannter, wenn man ein Kleinkind oder einen Hund hat, das Leben hat Rhythmus, Erdenschwere, ja: Sinn.

Der entscheidende Riss durch die Gesellschaft verläuft also nicht zwischen Eltern und Hundehaltern, sondern zwischen ihnen und den Kinder- und Hundelosen. Sie, die Losen, sind perfekt gerüstet für die globale, mobile, flexible Welt, wir dagegen sind die Romantiker mit Klotz am Bein. Darum sollten wir uns nicht streiten. Seien wir lieb zueinander!

Mir kann keiner Hundefeindschaft vorwerfen. Schon mit sechs kannte ich alle Rassen auswendig. Als meine Schulkameradinnen die Bay City Rollers anhimmelten, da schwärmte ich noch von Hunden; und auch nachdem es mir gelungen war, meine Libido altersgerecht umzulenken, richtete sie sich bevorzugt auf Jungs vom Typ Irish Setter oder Cockerspaniel, mit kastanienbraunen Locken und treuherzig runden Augen. Ich suchte eindeutig den Hund im Mann. Auch das Kind mag die Tiere gern und nennt sie respektvoll "wa-wa". Trotz alledem möchte ich heute vor einem Ort warnen: dem Grunewaldsee, anerkannter Hauptstadt-Hunde-Treff mit Hunde-Badestelle und Imbissbude. Dies ist kein Ort für Menschen unter einem Meter. Unser Kind zum Beispiel schwankt beim Laufen noch, als hätte es einen in der Krone, und sah sich dort, erstaunt torkelnd, einer gewaltigen Übermacht von Dackeln und Doggen gegenüber. Umstellt, umbellt und umsprungen muss es sich gefühlt haben wie unsereins unter Dinosauriern. Ich gönne jedoch den Tieren ihren Auslauf. Daher ein versöhnliches Wort an ihre Besitzer: Nehmt den Grunewaldsee, füllt ihn an mit Hundehaaren, schleudert eure Stöcke hinein und bekränzt seine Wege mit Häufchen! Ich schenke Euch den ganzen Teich samt Unterholz! So lieb können Eltern sein.

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