Was machen wir heute? : Huren bedauern

Anselm Neft

Am Hackeschen Markt sehe ich, wie ein dicklicher Herr auf eine Frau in hohen Stiefeln zugeht. Ohne Gruß fragt er mit unbewegter Miene: „Was kostest du?“ Die Frau sieht ihn fassungslos an und macht sich sofort aus dem Staub. Vermutlich muss der Dickliche noch lernen: Nicht jede Frau am Hackeschen Markt, die hohe Stiefel trägt, ist eine Prostituierte.

Niedergeschlagen setze ich mich auf ein Geländer und beobachte die tatsächlichen Sexarbeiterinnen in ihrer grotesken Aufmachung und die meist in die Jahre gekommenen Männer in Jeans, Trekkingjacken und Provinz-Outfit, die sich als potenzielle Freier zu erkennen geben. Mir ziehen die Floskeln von Bekannten und Freunden durch den Kopf: „Das älteste Gewerbe der Welt.“ „Ein Job wie jeder andere auch.“ „Gut, dass es Huren gibt, sonst gäb’s noch mehr Vergewaltigungen.“ Ein Job wie jeder andere also, von dem nur niemand, den ich kenne, will, dass ihn seine Mutter, Schwester, Freundin oder Frau machen. Da ist Sex gegen Geld plötzlich etwas Erniedrigendes. Aber solange sich Fremde erniedrigen, ist man da voll liberal. Ein heuchlerisches Frauenbild.

Und ein seltsames Männerbild dazu: Als ob manche Testosteronfässer komplett überlaufen, wenn Frauen nicht für Quasi-Vergewaltigungen zur Verfügung gestellt werden. Hormone allein treiben weder zur Vergewaltigung noch ins Bordell. Was Freier suchen, ist Männlichkeit, Macht, Selbstbestätigung und Rache. Die seelischen Verwundungen dieser Männer entziehen sich bisher der Forschung. Über die der Huren weiß man mehr, wie eine Studie aus Hamburg zeigt: 83 Prozent machen traumatische Erfahrungen während ihres Jobs. Genau so viele haben schon in ihrer Kindheit Traumata erlitten, davon 48 Prozent als Opfer sexuellen Missbrauchs.

Nach einigen Minuten der traurigen Betrachtung am Hackeschen Markt mache ich es wie manche Hure beim Akt: Ich verlasse kurz meinen Körper und träume mich an einen besseren Ort. Anselm Neft

Informationen im Internet:

www.hydra-berlin.de

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