Was machen wir heute? : Igel schlucken

Verena Friederike Hasel

Es war auf der Beerdigung seines Großonkels, dass mein Neffe Ruben den Tod entdeckte. Anstatt vor ihm zu erstarren, spielte er mit ihm, ließ uns wie eine Schar trauriger schwarzer Raben vor der Urne stehen und jagte mit seinen Großcousins davon, über die Grabsteine hinweg. Die Todesdaten, an denen sie vorbeischossen, warfen sie dabei durch die Trauerreihen, als seien es Bestzeiten im Marathon: „He, der war erst 21“, ruft der eine, Ruben galoppiert noch ein Stück, dann: „Und der da vier!“ Auf der Zugfahrt zurück nach Berlin ist Ruben unleidig, und als der Würfel unseres „Mensch ärgere dich nicht“-Spiels nicht so will wie er, wischt er die Figuren allesamt vom Brett. Ruben ist zehn Jahre alt, und seine braunen Augen sind voller Anklage dort im Zugabteil.

Als Kind hatte ich ein Buch mit einem tätowierten Hund auf dem Einband. Teil seiner Tätowierung war ein weiterer tätowierter Hund, der seinerseits einen tätowierten Hund auf dem Körper trug, und so ging es immer weiter. Lange Zeit dachte ich, ich würde, wenn ich nur lange genug auf dieses Bild schaute, entweder wahnsinnig werden oder die Unendlichkeit verstehen. Weder das eine noch das andere passierte, und später in der Schule lernte ich, dass es Koans gibt und Zen- Meister, die es zur Kunst erhoben haben, das Unfassbare zu begreifen. Ich tue es noch immer nicht, nicht an all diesen Stellen, wo das Leben selbst wie ein großes Koan ist, Dinge passieren, die man nicht will, und aufhören zu passieren, wenn man sie zu wollen gelernt hat.

In Berlin hat einer mal im großen Stile Abschied genommen, von einer Liebe namens Linda, mit Bildern und Sprüchen, auf Häuserwänden in Friedrichshain. Linda geht nicht mehr an ihr Händy, stand da. Und: An Linda denken, das ist wie Igel schlucken. Der Schmerz sprang den Passanten ins Genick, gegeben hat es Linda nie. Noch ein Koan: Wie kann man lieben, was man nicht kennt, nur ahnt, wie nimmt man Abschied vom Zauber einer Möglichkeit? Verena Friederike Hasel

Die Linda-Bilder und -Sprüche gibt es als Heft im Kunstkiosk Supalife, Raumerstraße 40.

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