Was machen wir heute? : Im Tunnel verschwinden

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Der Ural, 2100 Kilometer lang, bildet die natürliche Grenze zwischen Europa und Asien, eine ähnliche Funktion versieht der Gleimtunnel, 130 Meter lang, in Berlin. Zuverlässig trennt er Prenzlauer Berg und Wedding, früher in Form einer Bananengrenze (im Wedding gab es sie, in Prenzlauer Berg nicht), heute als Latte-macchiato-Border (im Prenzlauer Berg gibt es ihn, im Wedding nicht).

Nur folgerichtig ist es, dass die Touren von „Nächste Ausfahrt Wedding“ stets am Gleimtunnel starten. „Nächste Ausfahrt Wedding“ ist ein Projekt von mutigen Grenzgängern, sie bieten Fahrradtouren durch den Wedding an und zeigen, was der Bezirk jenseits von Latte macchiato zu bieten hat. Letztes Mal war ich mit dabei, radelte hinein in den langen, dunklen Schacht des Gleimtunnels und kam am anderen Ende tatsächlich heil wieder heraus. Vorneweg fuhr Jürgen Breiter, von Hause aus Architekt, vom Herzen her Weddingversteher, und präsentierte uns nicht nur Orte mit Sehenswürdigkeitssiegel wie den Rosengarten und die Schinkelkirche, sondern auch die randständigen: ein Krematorium, das zum Verkauf steht, und Berlins größten Bonsailaden. Zwischendurch, am Straßenrand erzählte er aus der Weddinger Geschichte. Dass die Badstraße vor dem Krieg eine Ausgehmeile war, wie die Menschen sich in dem Café am Luisenbad früher selbst ihren Kaffee machten und anschließend in der Panke schwammen und dass vor dem Potsdamer Platz einmal ein anderer Ort als größte Baustelle Europas galt: In den 70ern wurden im Brunnenviertel die Mietskasernen der Gründerzeit abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Dass Prenzlauer Berg trotzdem nicht weit ist, merkt man hier; zaghaft eröffnen erste Kleingalerien sowie Cafés, in denen Menschen an Laptops arbeiten. Aber ein bisschen wünscht man, dass der Latte macchiato niemals so ganz nach Wedding rüberschwappt. Verena Friederike Hasel

Informationen über die Touren von „Nächste Ausfahrt Wedding“ bekommt man unter www.ausfahrtwedding.de oder telefonisch unter 030-448 2266.

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