Kultur : Was machen wir heute?: Im Wald pfeifen

Helmut Schümann

Papa, sag mal, was meinst Du, gibt es Krieg?" Gott, was soll man antworten in diesen Tagen? Früher, als das Kind noch Kind war, war das leicht gewesen. Da hätte der Vater den Jungen in den Arm genommen, hätte "Quatsch" gesagt, und dass doch "niemand so doof ist, dass er den neuen Spielplatz an der Ecke wieder kaputt macht." Dann hätte er dem Kind noch ein wenig aus "Pippi im Taka-Tuka-Land" vorgelesen, die Stelle wo Pippi und Annika und Thomas mit Kokosnüssen nach Haien und den Piraten werfen, und dann hätten Vater und Kind noch ein wenig gelacht, gekuschelt und die Ängste wären weg gewesen.

Aber nun ist das Kind kein Kind mehr. Paul pubertiert, sieht fern, liest Zeitung, hört Radio, und weiß inzwischen, dass Kokosnüsse nicht helfen. Am Dienstag war der Vater auf Reisen und am Telefon hat Paul sehr verstört berichtet, wie Menschen aus Hochhäusern in den Tod springen und welche Angst er habe, weil der Vater in ein Flugzeug steigen muss. Der Vater übrigens auch, sagte davon aber nichts, um Paul nicht noch mehr zu ängstigen.

Am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, kam dann die Frage: "Papa, sag mal, was meinst Du, gibt es Krieg?"

"Nein, mach Dir keine Sorgen. Ich hoffe, nicht. Und wenn, dann nicht hier." Der Vater hat da schon gespürt, dass er reichlich hilflos klang und Paul diesmal auch nicht helfen konnte.

Tags darauf halfen sich Paul und seine Freunde in der Schule selber. Mit halbstarken Sprüchen und allerlei Unsinn. Der Konrad zum Beispiel, einer von Pauls Mitschülern, erzählte, wie er mit seinem Vater die Bilder angeschaut habe. Konrad spielt sonst stundenlang Computer, Ballerspiele eben, und so hätte sein Vater, behauptete Konrad, gesagt, wenn er so weitermache mit seinem Ego-Shooter und diesen schwachsinnigen Computerspielen, dann werde er irgendwann auch einmal Flugzeuge in Hochhäuser lenken. Nun kennt Pauls Vater Konrads Vater und weiß ziemlich sicher, dass der das niemals gesagt hat, aber Konrad hatte mit dieser Geschichte die Gelegenheit, vor der Klasse einen coolen Spruch anzubringen: "Na klar, mache ich das, ich plane ja schon", habe Konrad seinem Vater geantwortet. Wahrscheinlich pfeifen pubertierende Jungs auf diese Weise im Wald.

Oder der Physiklehrer. Der hat die Physik an diesem Tag nicht für wichtig erachtet, sondern gemeint, dass jetzt viele verschuldete New Yorker die Chance hätten, sich für tot zu erklären und anderswo schuldenfrei von vorne anzufangen. "Kann doch sein", hatte Paul daheim dazu gesagt. Und der Vater hat gedacht, dass also auch andere ganz ratlos und hilflos und irre im Kopf geworden sind.

Am Donnerstag dann hat Paul schon nichts mehr sehen wollen von Amerika und Afghanistan und Vergeltung und Bündnisfall. Und der Vater hat an Pippi gedacht und daran, dass er leider nicht so stark ist wie sie und dem Kind die Angst nicht nehmen kann.

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