Kultur : Was machen wir heute?: In den Baumarkt gehen

Dagmar Dehmer

Kisten, wohin das Auge blickt. Bei der Besichtigung hatte die Wohnung riesengroß ausgesehen. Doch jetzt, nachdem die Möbelpacker die letzten Kisten abgeworfen haben, ist nirgendwo mehr ein Durchkommen. Natürlich war das Werkzeug in der letzten Kiste verpackt. Aber wo ist die letzte Kiste?

Jetzt nur nicht verzweifeln. Doch die dringend gesuchten Dübel finden sich nicht. Da trifft es sich gut, dass keine 200 Meter entfernt Holz Possling seine Tore bereits um sieben Uhr morgens öffnet und erst um acht Uhr abends wieder schließt. Im Baumarkt gibt es Dübel. Und es ist auch nicht weiter tragisch, dass wir die Schrauben nicht finden. Es gibt ja Holz Possling.

Auf endlosen Hochregalreihen stapeln sich unbekannte Gegenstände. Um einen herum wuseln fachkundige Hobby-Heimwerker, die mit Kennermiene seltsame Werkzeuge in der Hand wiegen. Und in den meisten Baumärkten wird die weniger kenntnisreiche Besucherin unfreundlich angeraunzt, ohne dass das Personal auch nur aufsieht: "Die Dübel sind da hinten." Verbunden mit einer vagen Handbewegung, zweifellos sehr hilfreich.

Doch Holz Possling ist anders. Das zeigt sich spätestens dann, wenn man sich - aus Erfahrung eher unterwürfig - einer Fachkraft im grünen Kittel nähert. Die Mitarbeiter von Holz Possling beantworten die Fragen der Ahnungslosen freundlich. Sie sagen zum Beispiel: "Kommen Sie mal mit, ich zeige Ihnen, wo Sie die Dübel finden." Ein erhebendes Gefühl. Selbst eine, womöglich dumme, Nachfrage scheint ihnen nicht lästig zu sein. Was ist denn das für ein Baumarkt? Wer bisher nur westdeutsche Heimwerkermärkte gewohnt war, erlebt einen echten Kulturschock.

Mit der Zeit wird Holz Possling zum unentbehrlichen Helfer in allen Fragen rund um das Chaos in der Wohnung, das sich nur langsam lichtet. Der Ausflug in den Baumarkt, frühmorgens vor der Arbeit, wird fast schon zur Gewohnheit. Längst geht es nicht mehr um Dübel oder einen Hammer. Der Besuch im Baumarkt tröstet ungemein; er hilft gegen Einsamkeit und lenkt davon ab, dass die noch immer chaotische Wohnung dringend aufgeräumt werden müsste. Doch dann kommt der Tag, an dem es eigentlich nichts mehr zu tun gibt. Na ja, fast nichts mehr. Denn erst nach und nach zeigt sich, was alles den Umzug nicht überlebt hat. Darunter auch ein Bild, gemalt von einer hoffnungsvollen Nachwuchskünstlerin. Vor Jahren hatte sie in Freiburg zwei Monate kostenlos mitgewohnt. Zum Abschied hinterließ sie eine Bleistiftzeichnung, die seither immer in Ehren gehalten wurde. Jetzt ist der Rahmen zerbrochen. Doch auch in diesem tragischen Fall hilft Holz Possling. Mindestens 20 Leisten werden angelegt und verworfen. Bis die richtige gefunden ist.

Alle Freunde hatten Unrecht. Sie haben gewarnt vor der Dienstleistungswüste, vor den unfreundlichen Berlinern, vor den Erfindern der Bürokratie. Doch so schlimm ist es gar nicht in Preußen, das heißt, wer weiß, jedenfalls nicht im Baumarkt.

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