Was machen wir heute? : In den Bürgerspiegel sehen

David Ensikat

Beim Fußballgucken (ich musste!) habe ich mich gelangweilt, draußen am See haben mich die Mücken zerstochen, oder nein, es waren keine Mücken, es war eine neue Spezies, viel kleiner, viel aggressiver, vor allem: viel mehr, sie erzeugen eine Art Windpocken, überall juckende rote Pusteln, Abermillionen, und die gehen nie wieder weg. Fußball gucke ich nicht mehr, an den See fahre ich auch nicht mehr. Ich gehe nur noch ins Theater. Da sticht nichts, die Zuschauer schwenken keine Fahnen, und wenn sich ein Akteur auf den Boden wirft, muss man nicht extra sagen, dass der jetzt aber ein Theater macht.

Es war sehr interessant, „Der Gott des Gemetzels“, ein französisches Stück, welches dem aufgeklärten Bürgertum einen Spiegel vorhält, über den der aufgeklärte Bürger sagt: Das sieht nur aus wie ein Zerrspiegel, ist aber keineswegs einer; so schlimm ist das aufgeklärte Bürgertum ja wirklich. Das könnte für den Bürger eine harte Erfahrung sein, soll es wohl auch sein, ist es aber nicht.

Es funktioniert so: Die Schauspieler in ihren bürgerlichen Rollen reden, streiten, zerfleischen sich, eine kotzt, einer brüllt ins Handy, eine säuft, einer jammert, alles ganz folgerichtig, alles wie im Leben, und man könnte heulen, dass das Leben so ist, aber das da ist ja das Leben der anderen, sowieso nur Theater, und deshalb total lustig. Als die, die gekotzt hat, das Handy des Dauertelefonierers in die Blumenvase wirft, und der Jammernde versucht es trockenzuföhnen, alles wie im Leben, wie gesagt – da johlt das Publikum und klatscht, als habe der Ex-Pole Podolski den Polen ein drittes Tor hineingepackt, draußen im wahren Leben. Was denkt da der Theatermacher? Du dummes Publikum, lach doch nicht über die auf der Bühne, das bist doch du, weine gefälligst?

Egal eigentlich, ich habe mich amüsiert, hinterher hat’s nicht gejuckt, und so lange EM ist, sind die Theater nicht ausverkauft. David Ensikat

„Der Gott des Gemetzels“ am Berliner Ensemble, wieder am 19. und 20. Juni.

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