Was machen wir heute? : In den coolen Apfel beißen

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Seit August haben sie uns damit in den Ohren gelegen. „Zu Weihnachten wünsche ich mir ein iPhone“, bettelte der eine, „zu Weihnachten wünsche ich mir einen iPod touch“, der andere.

Wir sind eingeknickt, aber nur halb. Beide Jungs zusammen haben einen iPod touch bekommen, der zumindest aussieht wie ein iPhone und sich teilweise so verhält. Seit Heiligabend sitzen sie nun auf dem Sofa, steuern Rennautos durch wüste Schluchten, schießen Würmer ab („Autsch, das tat weh! Jetzt hab ich mich selbst in die Luft gesprengt!“) und lassen täuschend echt aussehende Fußballmannschaften gegeneinander antreten („Verdammt! Der Schiedsrichter ist parteiisch! Wenn die anderen foulen, macht er nichts, und wenn ich foule, kriege ich eine gelbe Karte!!“)

Was, so fragte ich, besinnlich gestimmt, die Kinder beim Silvester-Essen, war denn das Schönste im alten Jahr? Die Antwort: „Dass wir den iPod touch bekommen haben.“ Vor allem Lucas ist rundum begeistert von Apple: „Ich will jetzt alles von Apple kaufen, auch meine Jacken und Schuhe, alles soll von Apple sein“. War nicht schon im Paradies der Apfel der Inbegriff der Verführungskraft?

Nur einen Gegenzauber gibt es, der gegen den magischen Apfel wirkt, und der heißt: Joanne K. Rowling. Sechstklässler Timmy hat schon alle Harry-Potter-Bände verschlungen, aber Drittklässler Lucas weigert sich, selbst zu lesen, er lässt lesen. In der Weihnachts-Silvester-Woche habe ich den ganzen zweiten Band von Harry Potter vorgelesen, nicht weil ich unbedingt wollte, sondern weil ich am Aufhören gehindert wurde („Nicht jetzt! Jetzt ist’s gerade so spannend! Biiiiitttte!!“) Um mich zum Weiterlesen zu überreden, warfen sich die zwei Apple-Jünger sogar auf den Boden und beteten mich an, wie die Muslime Richtung Mekka! Ach, war das schön! Ich fühlte mich wie ein paradiesisches Äpfelchen, das gerade hundert Würmer auf Eva abgeschossen hat. Dorothee Nolte

Runter vom Sofa: Rasant geht’s nicht nur im iPod zu, sondern auch beim Rodeln in der Kiesgrube (Grunewald) oder beim Kartfahren im Kartland (Miraustr. 62-65, Reinickendorf).

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