Was machen wir heute? : In den Kurzzug quetschen

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Berlin ist ja eine ziemlich verrückte Stadt, in der jeder macht, was er will, das hat Tradition. „Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin“, sangen schon die Altvorderen. Irgendwo ist immer irgendeine Spaß- oder Protestaktion im Gange, durch die der Verkehr lahmgelegt wird. Neulich kamen die Leute wegen des Skater-Rennens massenhaft zu spät ins Konzert – na und? Von der Sternfahrt der Radfahrer gar nicht zu reden.

Bei der S-Bahn geht es sowieso ständig rund. Mitunter kommt man sich vor wie im Hamsterzug nach dem Krieg. Am Himmelfahrtstag zum Beispiel erlebte die Rentnerin ihr blaues Wunder. Am Spätnachmittag war die Bahn, die aus Potsdam kam, schon in Nikolassee überfüllt, der Bahnsteig voller Ausflügler in Vatertagslaune. Sie zwängte sich hinein und stand eingeklemmt zwischen zehn (!) Fahrrädern.

Zurückbleiben? Da konnte der Fahrer lange reden. Alles hing in den Türen, alles wollte mit. „Zu-rück-blei-ben! Der Zug ist voll!“, rief er. Wieder keine Reaktion. Endlich platzte ihm der Kragen. „Wolln wa nu weiterfahren oder wat?!“ Du lieber Himmel, dachte die Rentnerin, hier passiert gleich ein Unglück. Der Mann ist arm dran, mutterseelenallein mit seiner Verantwortung für eine außer Rand und Band geratene, unberechenbare, dicht gedrängte Menge, kein Zugbegleiter, kein dienstbarer Geist auf dem Bahnhof, eine Zumutung.

Klar, in Zehlendorf war die Situation da. Der Fahrer machte „auf unbestimmte Zeit“ halt. Klopperei im letzten Wagen. Kaum hörte man das Tatütata der Polizei, tönte es spöttisch: „Ah, die Bullen!“ Natürlich waren die Schläger längst über alle Berge, von Verletzten keine Spur, ein harmloser Fall zum Glück. Die Polizisten, vier an der Zahl, hatten nichts weiter zu tun, als ein paar Fragen fürs Protokoll zu stellen, der Einsatz kostet schließlich Geld.

Und sonst? Gut 20 Minuten Aufenthalt, zwei ausgefallene Züge, hinterher garantiert noch mehr chaotische Drängelei. Diesmal lag es nicht am Bahn-Management. Oder irgendwie doch? „Ein Kurzzug ist eigentlich ein bisschen mager“, meinte ein alter Herr bedächtig. Womit alles gesagt ist. Brigitte Grunert

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