Kultur : Was machen wir heute?: In der Meldestelle vorbeischauen

Kerstin Kullmann

Vor kurzem war die Polizei bei meinem Chinesen um die Ecke. Ein Mannschaftswagen stand auf dem Gehsteig, vier Polizisten drängten sich in dem Laden. Sie bestellten drei Mal die "43": Hähnchenfleisch, zweimal gebacken mit Erdnuss-Soße, scharf, und einmal Bratnudeln mit Gemüse. Es dauerte ewig, bis ich an die Reihe kam und ich hatte richtig Hunger. Wären das nicht vier Polizisten gewesen, hätte ich rumgestänkert. Dabei mag ich die Polizisten hier in Berlin, denn im im Gegensatz zu denen in Bayern kontrollieren sie einen nicht so oft.

Doch genau wie die Münchner sind die Berliner Polizisten ständig präsent, es vergehen keine 30 Minuten, in denen man nicht einen Polizisten auf der Straße sieht. Ich habe sogar ein Revier gleich im Nachbarhaus. Das ist toll: Niemand kann beschreiben, wie sicher ich mich allein in meiner Wohnung fühle. Kein heimkommen und in allen Zimmern nachsehen, ob jemand Böses sich versteckt hat. Kein im Bett liegen und einen Fluchtplan über den Balkon hinaus austüfteln, falls Einbrecher kommen. Frauen kommen solche Gedanken manchmal, wenn sie alleine wohnen. Aber bei mir kommen keine Einbrecher. Schön blöd wären die auch, um bei mir einzubrechen, müssten sie erstmal über den Mannschaftswagen-Fuhrpark vor meinem Haus klettern.

Dabei erleben die Polizei und ich nicht nur eitel Sonnenschein. Die Jungs (und etwa ein Drittel Mädels), die mir tagtäglich über den Weg laufen, machen mir ein richtig schlechtes Gewissen. Erstens traue ich mich nicht, bei Rot über die Straße zu gehen, wenn sie in der Nähe sind. Und zweitens bin ich offiziell noch gar nicht in Berlin gemeldet. Nicht, weil ich das nicht will, sondern weil mich in Berlin einfach noch niemand nach meinem Ausweis gefragt hat. Trotzdem: Ummelden muss man sich!

Als ich kürzlich vor dem Eingang zur Meldestelle zufällig einen Freund traf und mich dort mit ihm unterhielt, war es fast so weit, beinahe hätte ich es getan: Ein Mann mit Sporttasche und Schnauzer kam raus, drehte sich um, strahlte uns an: "Ihr könnt da einfach reingehen zum Ummelden. Ihr müsst nicht draußen warten, wir sind da ganz locker!" Das gab mir zu denken. Wer ist da warum ganz locker? Etwa die Polizei? Und warum wusste der, dass ich noch nicht gemeldet bin? Das war mir nicht geheuer, ich fühlte mich durchschaut. Aber die Blöße wollte ich mir vor dem Sporttaschen-Menschen nicht geben. "Nein, ich bin schon umgemeldet", schrie ich ihm nach. So ein Schwachsinn! Ich hätte auch sagen können: "Ich bin hier geboren." Oder: "Häh?" Gibt es eine verräterischere Antwort, als rot zu werden und zu sagen "Nein, ich bin schon gemeldet"? Die Sporttasche hatte es jedenfalls eilig und keine Lust, mich Delinquentin zu schnappen. Jetzt bin ich noch immer nicht gemeldet, habe deswegen aber ein noch schlechteres Gewissen: Erstens soll es ja schnell gehen. Und zweitens schützt Berlin mich schon so lange vor Einbrechern.

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