Was machen wir heute? : In der Postmoderne ankommen

Lothar Heinke

Wenn wir früher, in uralten Zeilten, zum Postamt gingen, dann wollten wir ein paar Briefmarken kaufen, Einschreiben aufgeben, Päckchen oder Pakete losschicken und vielleicht eine postlagernde Sendung abholen. Das waren noch Zeiten! Da hing ein Münzfernsprecher an der Wand, alle hörten zu, wenn man laut in die Muschel sprach. Die Postbeamten hatten Uniformen oder blaue Kittel an und machten manchmal genau dann ihre Pause, wenn man endlich an der Reihe war. Übrigens gab es da auch noch eine Ecke mit Blankotelegrammen, und da fällt mir ein, dass ich schon lange kein Telegramm aufgegeben habe, aber es kam auch keins, obwohl es genug Stoff gegeben hätte all die Jahre. Telegramme sind out, sie wurden von Handy, Fax und E-Mail abgelöst und von der zigfachen Schallgeschwindigkeit, mit der heute Botschaften verschickt werden. Jeder ist sein eigener Telegrammbote: „Komme morgen + stop + bitte Sekt kalt stellen + stop“ ist längst Nostalgie, jetzt wird gesimst: „Habe Durst auf Dich“.

Und nun blicken wir uns mal in so einer hochmodernen, heutigen „Postfiliale“ um, zum Beispiel in der Potsdamer Straße. Die Menschen hinter dem Schalter sind geblieben, aber was hat sich alles davor getan! Wir befinden uns in einem postalischen Warenhaus, dessen Angebot so bunt ist wie unser unstetes Leben in dieser Internetwelt: Außer Fleisch- und Wurstwaren und frischen Schrippen oder Frankfurter Kranz gibt es fast alles, was der Mensch nicht braucht, nur eben keine Telegrammformulare. Der postalische Fortschritt beschert uns dafür Telefonapparate der modernsten Art, Handyattrappen, Kleister, Klebeband, Strippe, Büroklammern, Postbank-Privatkredite, 50 kWh Guthaben für „Strom mit Zukunft“, Speedport für Call & Surf Comfort. Kopierpapier, Luftpolsterverpackungsfolie, PC-Spiele, Lotto-Animation. Nun wollte ich aber gern ein neues Telefonbuch haben. „Das ist aus, die Aktion ist beendet“, sagen sie. Ich tröste mich mit „Klassik meets Wellness“, 46-Minuten-CD samt „Liebestraum“ von Liszt – gibt’s bei der Post. Lothar Heinke

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