Was machen wir heute? : In die Moschee gehen

Plümper

Ein Mütterchen, lieb, schmal, klein und alt, sagt auf die Frage des Rentners nach den islamischen Gräbern: „Da hinten, die schrägen Gräber.“ Mit „schräg“ meint sie, dass die Grabstellen nicht parallel zu den Friedhofmauern ausgerichtet sind, sondern gen Mekka. Seit 1798 finden hier islamische Begräbnisse statt. Wilhelm I. hat das Gelände 1866 der islamischen Gemeinde als Zeichen der deutsch-türkischen Freundschaft übereignet. Zuerst war es für einen türkischen Gesandten bestimmt, nach 1918 für türkische Soldaten. Jetzt ist es im Besitz des türkischen Staates. Auf dem Friedhof werden Muslime vieler Länder beerdigt.

Mit dem Bau der Sehitlik-Moschee ist 1999 begonnen worden. Hoch ragen die Minarette über die Kuppel, vom Erdgeschoss aus fast 36 Meter. Vor der Moschee herrscht reges Treiben. Der Rentner meint den Kirchplatz eines Dorfes zu sehen: Gut gekleidete Menschen im Sonntagsstaat mit ihren Kindern. Aber wo sind die Frauen? In einem großen Saal neben der Moschee?

Der Rentner fragt einen jungen Mann, ob er die Moschee betreten dürfe. Die Moschee sei ein Gotteshaus, das dürfe jeder betreten. Der Rentner fragt, was „Ruhuna fatiha“ auf den Grabsteinen unter den Namen der Toten bedeute. Es sei die erste Sure des Korans, damit fingen alle Gebete an. Ob er sie sprechen dürfe? Freundlich übersetzt er die Sure ins Deutsche. Und plötzlich erzählt der junge Mann vom Tod seines Vaters, von seiner Verzweiflung, und wie er erst da gelernt habe, zu beten. Lange umarmen sich beide zum Abschied. Der Rentner geht in die Moschee, zieht die Schuhe aus, bestaunt den Innenraum und die goldene Kalligrafie in den Zwickeln der Zentralkuppel. Vorn liest ein Mann in orientalischem Gewand aus einem Buch gedämpft drei vor ihm sitzenden Männern vor. Zehn oder zwölf Männer sitzen verstreut auf der umlaufenden Stufe des mit einem Teppich versehenen riesigen Raumes. Der Rentner setzt sich zu ihnen. Plümper

Sehitlik-Moschee, Columbiadamm 128 in Neukölln.

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