Was machen wir heute? : In die Tiefe gehen

Wie ein Neuberlinerdie Stadt erleben kann

Anselm NeftD

Auf der Suche nach einem warmen Platz bin ich in ein Café geraten, in dem junge Menschen mit kunstvoll zersausten Frisuren und ausgesucht nachlässiger Kleidung vor weißen Aufklapprechnern sitzen und an Getränken nippen, von denen ich noch nie gehört habe. Allein die Rubrik „Kaffee“ umfasst auf der mir laff gereichten Karte 23 Posten, etwa Mitternachtskaffee, Morgen-Latte, Chai-Rum-Espresso, El Creativo. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Männer in den Dreißigern auf eine Weise, die mir als Jungem vom Lande unbekannt ist:

„Ich glaub, ich bin da in einem dead end angelangt.“

„Das ist doch total gut. Im Nichts entsteht gerade was Neues. Erst in der Sackgasse erkennst du, dass du auch fliegen könntest, ja, fliegen musst.“

„Ich glaub, ich brech’ die Sache ab.“

„Deine Installationen sind bahnbrechend.“

„Ja, meinst du?“

„Die Zeit wird kommen.“

„Ich find die Idee, Videoinstallationen zur Finanzkrise zu machen, irgendwie eher, na ja, ich weiß nicht, wie soll ich sagen …?“

„Das ist groß. Ganz groß. Du musst nur noch mehr in die Tiefe gehen. Du bist noch an der Oberfläche und stößt jetzt zum ersten Mal auf Widerstand. Das ist der Beton durch den du durch musst.“

„Aber vielleicht ist bei dem Thema auch nix als Beton. Ich meine: Finanzkrise, das ist doch in vier Monaten total démodé.“

„Nur, wenn du beim Sichtbaren bleibst. Du musst hinter den Beton gucken, in den Untergrund, zu den verborgenen Kommunikationssträngen, den unterirdischen Verkehrswegen, den Bunkeranlagen der Ideologien. Du musst in die Tiefe bohren. Erst, wenn du ein Schwein in der Mittagshitze in einem Pariser Schlachthof verenden siehst, verstehst du, dass …“

Ich verspüre mittlerweile auch große Lust, mich in die Tiefe zu bohren. Ganz tief, bis dorthin, wo Dunkelheit herrscht und Ruhe. Vor allem Ruhe. Anselm Neft

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