Kultur : Was machen wir heute?: In die vergangene Zukunft blicken

Britta Wauer

Zum Glück gibt es Mütter, die nichts wegwerfen können. Weder die schönen Kinderkleidchen (für mögliche Enkel), noch Muscheln (von früheren Verehrern) und auch nicht Rezepte aus Frauenzeitschriften. Manchmal haben Mütter aber auch etwas aufgehoben, das für die ganze Familie ein Gewinn sein kann: die alten Schulhefte von Mama. Nicht nur, weil man endlich beweisen kann, wie leicht Mathe zu Mutters Zeiten noch war. Viel spannender sind die Aufsätze in den Deutschheften.

Da es seit alters her ein ungeschriebenes Gesetz für Lehrer geben muss, Zukunftsprognosen von 12-Jährigen zu verlangen, finden sich zwischen Diktaten und Grammatikregeln die kuriosesten Erwartungen an eine Zeit, in der wir gerade leben. Wer einmal in den Genuss gekommen ist, kindliche Fantasien aus den fortschrittsgläubigen 50ern zum Thema "So stelle ich mir mein Leben im Jahr 2000 vor" zu lesen, weiß, was für einen ungeheuren Unterhaltungswert diese Texte haben.

Da man leider nicht erwarten kann, dass alle Eltern ihre Science-Fiction-Visionen im Keller archiviert haben, gibt es diese Woche ein Ereignis, das die Sehnsucht nach fantastischen Vorstellungen aus vergangenen Tagen stillen kann. Das Ereignis ist ein Film aus der Zeit, als das deutsche Kino noch Weltrum besaß und ein Stummfilm spannender als ein neuzeitlicher Krimi war.

"Der Golem, wie er in die Welt kam" stammt von 1920 und ist ein Meisterwerk. Er gilt als der expressionistische Film schlechthin und das liegt vor allem an seinen magischen Effekten und den markanten Kulissen. Die schuf der Architekt Hans Poelzig, von dem auch der alte Friedrichstadtpalast mit seiner Tropfsteinhöhle stammte und den man deshalb gern mit dem Spanier Gaudi vergleicht. Poelzig hat auch das Kino Babylon gebaut, in dessen frisch renoviertem Saal der Film am Samstagabend zu sehen sein wird.

Das Ereignis ist vor allem deshalb eines, weil der Stummfilm nicht still bleibt und auch nicht nur von einem einsamen Klavier begleitet wird, sondern von einer echten Kinoorgel. Es ist die einzige, die es in Deutschland noch gibt, und sie ist deshalb so außergewöhnlich, weil sie nicht nur Melodien von sich gibt, sondern auch Hundegebell, Schüsse und Pferdegetrappel. Die Orgel hat ein paar Jahrzehnte darauf gewartet, wieder bespielt zu werden und wenn es am Samstag so weit ist, werden nicht nur die Kinogäste im Saal ehrfürchtig lauschen, sondern auch die Bewohner des Babylon-Blocks.

In den 20er Jahren, als der Film, das Kino, die Orgel und das Haus entstanden sind, machte sich keiner Gedanken über Lärmbelästigung. Später hat man mal die Lautstärke der Kinoorgel gemessen. "So laut wie ein startender Düsenjet", war das Ergebnis und der Grund, warum Hausbewohner fortan kostenlos ins Babylon durften. Nun aber sind die Wände aufwändig getrennt und die in den Wohnungen verbliebenen Kinobanausen werden vom Spektakel wohl nichts zu hören kriegen.

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